Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 44 = 2.F. 8 (1902))

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Otto Lenel,

Anfechtung allerdings zulassen, wenn Jemand ein Bild eines
modernen Meisters zu kaufen gedachte, das in Wirklichkeit von
einem anderen lebenden oder todten Meister herrührte; denn
Bilder lebender Meister Pflegen fast immer unter bestimmter
Zusicherung hinsichtlich der Person des Malers verkauft zu
werden — in der Regel wird diese schon in der bloßen Nennung
seines Namens gefunden werden müssen. Wenn infolge eines
Irrthums des Käufers, der vielleicht die Signatur gesehen hatte,
aber nicht wußte, daß es zwei verschiedene Maler des gleichen
Namens gebe, oder infolge beiderseitigen Irrthums diese Zu-
sicherung unterblieben ist, so fehlt etwas an der normalen
Individualisirung des Kaufobsekts, wird aber auch der redliche
Verkäufer durch die Zulassung der Anfechtung nach Maßgabe
des B.G.B. in der Regel nicht unbillig geschädigt werdenl).
Irrthümer über Stoff und Qualität sind beachtlich, wenn
der normale Käufer, falls er Zweifel hegte, den gewünschten
Stoff und die gewünschte Qualität bezeichnet hätte, unbeacht-
lich, wenn eine solche Normalität nicht behauptet werden kann.
So wäre z. B. anfechtbar der Kauf einer Flasche Maraschino,
die in der Meinung gekauft würde, Maraschino sei ein Süd-
wein: wer Wein zu kaufen wünscht, wird dies normalerweise
zum Ausdruck bringen. Wer dagegen im Gasthof Deides-
heimer bestellt, in der Meinung, dies sei ein Rheinwein, kann
nicht anfechten; denn es giebt zahllose Gäste, denen auf diesen
Punkt nichts ankommt, sondern z. B. nur darauf, ob der
Wein theuer oder billig, weiß oder roth, schwer oder leicht
i) Aus der französischen Praxis kann verglichen werden: Dalloz,
Rec. 1849, 2, p. 67 und 1876, 2, p. 62. In beiden entschiedenen Fällen
war aber da- Bild als Bild eines bestimmten Meisters verkauft worden,
so daß, wie auch in den Gründen hervortritt, hier eine zum BertragSinhalt
gehörende Zusicherung (condition essentielle de la vente, garantie) anzu-
nehmen war. In den Erwägungen der französischen Gerichte wird dieser
Gesichtspunkt oft mit dem der Anfechtung wegen Jrrthums vermengt.

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