Volltext: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 44 = 2.F. 8 (1902))

Schadensersatz wegen Nichterfüllung bei gegenseit. Verträgen. 99

pflichten, so läßt sich jedenfalls nicht leugnen, daß die Ent-
schädigung als rechtlicher und ökonomischer Ersatz für die
unmögliche bezw. verzögerte Leistung zu betrachten ist. Ob
man dabei von einer anderen „Art der Erfüllung" oder von
einem Surrogat, einer Ersatzleistung u. dergl. reden darf, ändert
am Wesen der Sache nicht das Geringste. Nach dieser ist
nun die Weiterhaftung deS Schuldners ein genügender Grund,
um die Verpflichtung des Gläubigers zur Gegenleistung fort-
dauern zu lasten. Denn das Prinzip des Synallagma geht,
wie unter I dargelegt, keineswegs dahin, daß der Gläubiger
zur Erfüllung nur dann verpflichtet ist, wenn auch der Schuldner
die Naturalleistung erbringen will und kann. Sondern die
Formel ist negativ zu fasten: Der Vertragstreue Theil wird so
lange nicht befreit, als die Verbindlichkeit des Schuldners nicht
wegfällt, mag sie auch auf einen anderen als den bisherigen
Gegenstand gerichtet fein. Die herrschende Ansicht ist also,
entgegen der Meinung Staub's a. a. O., durchaus nicht
gezwungen, von dem unlogischen Gedanken auszugehen, „daß
der Anspruch auf Schadensersatz wegen Nichterfüllung ebenfalls
ein Anspruch auf Erfüllung ist"3o).
Dem eben dargelegten Derhältniß von Entschädigung und
Leistung entspricht es, daß die erstere der letzteren gleichwerthig

30) Uebrigens findet sich bei Staub noch in der 6. Auflage zu
Art. 354 § 22, c, a der Satz: „Auch Schadensersatz wegen Nichterfüllung
ist Erfüllung des Vertrages." Und S. 925 e führt er aus: „Der Schadensersatz
besteht darin, daß der Käufer dem Verkäufer alles das leisten muß, was er ge-
habt haben würde, wenn der Käufer seiner Pflicht gemäß abgenommen und
gezahlt hätte." Aehnlich S. 934 f.: Wenn der Käufer vom säumigen Ver-
käufer Entschädigung verlangt, so „liegt darin kein Abgehen vom Vertrage;
er wählt nur statt der ursprünglichen Leistung ihr Surrogat, den Schadens-
ersatz". — Und Schüller selbst (II S. 513) spricht von dem Schadens-
ersatz als einem „Leistungssurrogat" und von seiner Bewirkung als einer
„anderen ErfüllungSart".

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