Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 44 = 2.F. 8 (1902))

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Wilhelm Kisch,

Dieser Umstand ist es, den die herrschende Ansicht betont,
wenn sie den Schadensersatz als eine andere „Art der Er-
füllung", bezw. als ein „Surrogat für die unterbliebene
Leistung" bezeichnet. Hier setzt aber die gegnerische Kritik von
Neuem ein. Entschädigung, so führt sie aus, könne nicht als
Vollziehung des Vertrages betrachtet werden. Ihre Voraus-
setzung sei ja gerade umgekehrt, daß die Leistung unterblieben
sei. Nichterfüllung könne Alles sein, nur eben nicht Erfüllung
des Vertrages. Der Schadensersatz müsse ein von der ursprüng-
lichen Leistung durchaus verschiedenes Ding sein2ft).
Der dargelegte Einwand verkennt indessen die Bedeutung
unserer Ausführungen. Gewiß kann von einer begrifflichen
Identität zwischen Erfüllung und Entschädigung keine Rede
sein. Eine solche wird aber von unserer Auffassung auch
gar nicht behauptet. Vielmehr geht dieselbe von folgenden
Erwägungen aus. Die Verpflichtung, für welche Schadens-
ersatz zu leisten ist, ist im Vertrage begründet. Die Ent-
schädigung ist bestimmt, den wirthschaftlichen Erfolg der
Erfüllung, wenn auch in anderer Art, thunlichst zu verwirklichen.
In der Aeußerung des Gläubigers, Schadensersatz zu wollen,
liegt also die Erklärung, an jenem ökonomischen Ergebniß,
soweit möglich, festhalten zu wollen. Verändert ist nicht das
Ziel und die wirthschaftliche Gesammtbedeutung, sondern nur
der Inhalt der schuldnerischen Leistung. Die an ihre Stelle
tretende Entschädigung beruht unmittelbar auf dem Kontrakte,
dient unmittelbar den Zwecken desselben. Insofern kann man
allerdings den Schadensersatz als eine andere „Art der Er-
füllung" bezeichnen.
Wollte man aber auch dieser Gedankenreihe nicht ber-

29) Vergl. Schüller passim; Staub, a. a. O. S. 1277 Anm. 21
unten; Oswalt, Deutsche Juristenzeitung, Bd. 4 S 214.

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