Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 55 = 2.F. 19 (1909))

Verschuldensausrechnung, Gefährdungsaufrechnung rc.

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habe, daß das Pferd ein Schläger sei, die Warnung, die ihm
der Sohn des Beklagten erteilt, nicht verstanden, auch nicht
diejenige Vorsicht außer acht gelassen habe, die jedem fremden
Pferde gegenüber zu beachten sei. Ein Rechtsirrtum ist in den
Ausführungen des Berufungsgerichts nicht zu erkennen. Wenn
die Revision darauf hinweist, in dem Urteile des RG. vom
13. November 1905 IV 123/05 sei ausgesprochen, daß der-
jenige die im Verkehr erforderliche Sorgfalt unterlasse, der sich
einem ihm unbekannten Pferde so von hinten nähere, daß er
beim Ausschlagen getroffen werden könne, so trifft jener Satz
für Verhältnisse, wie sie nach der Feststellung des Berufungs-
gerichts vorliegen, nicht zu. Es läßt sich nicht aufstellen, daß
ein Stallknecht die im Verkehr erforderliche Sorgfalt außer acht
läßt, wenn er sich einem an der Krippe angebundenen Pferde
so nähert, daß er beim Ausschlagen getroffen werden kann.
Das Berufungsgericht hat angenommen, es sei genügend ge-
wesen, daß Kläger beim Näherkommen dem Pferde zugerufen
habe. Das ist rechtlich nicht zu beanstanden. Ebensowenig
ist zu beanstanden, daß das Berufungsgericht kein Verschulden
darin erblickte, daß Kläger die Warnung nicht verstanden habe,
die ihm der Sohn des Beklagten mit den Worten „das eine
Pferd, das an der Wand stehe, sei nicht ganz sauber, da solle
er aufpassen" erteilt habe. Der Einwand, der Kläger hätte
überhaupt die Funktionen eines Stallknechts nicht übernehmen
sollen, ist nach dem Tatbestand des Berufungsurteils in der
Berufungsinstanz nicht vorgebracht worden, der Berufungs-
richter hatte daher keinen Anlaß, ihn ausdrücklich zurückzuweisen".
Ich würde den Fall genau so entscheiden, wie er ent-
schieden worden ist, allerdings mit anderer Begründung.
Meines Erachtens haben die Gerichte die Sachlage gerade
umgekehrt. Zuerst mußte festgestellt werden, ob der Kläger
schuldfähig und selbständig kausalfähig war, und dann war zu

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