Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 32 = N.F. 20 (1893))

Jhering.

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Art und Richtung seines Intellekts. Ein Mann wie er ruht
nicht, bis seine theoretischen Anschauungen diejenige Gestalt
gewonnen haben, die seiner Eigenthümlichkeit vollkommen ge-
mäß ist. Die Bedeutung seiner Theorien hängt dann davon
ab, welche Seiten des Menschlichen in ihm vornehmlich ihre
Vertretung gefunden haben, und ihre nächste Wirksamkeit von
dem Verhältniß, in welchem diese Seiten des Menschlichen zu
den die Zeit bewegenden Gegensätzen und Bestrebungen stehen.
Wie sich dies mit den finalen Theorien Jhering's ver-
halte, werde ich zu zeigen versuchen.
Im „Kamps ums Recht" schuf sich Jhering, wie
schon angedeutet wurde, die seiner Persönlichkeit adäquate An-
schauungssorm in Bezug aus die Machtseite des Rechts. In
einer älteren, trefflichen Schrift über „das Schuldmoment
im römischen Privatrecht" hatte er die im „Kampfe" behan-
delte Fragen bereits, aber wesentlich als Historiker gestreift.
Er schilderte dort die allmähliche Ausscheidung des pönalen
Elements aus dem Bereiche der Civilrechtspflege und sah
darin, mit Recht, ein Stück des Differenzirungsprozesses, dem
das Recht bei den Römern unterlag und der eine wesentliche Seite
seiner fortschreitenden Entwicklung darstellt. Bald aber be-
merkte er, daß dem Zurückdrängen des pönalen Moments aus
dem bezeichneten Gebiete verwandte Erscheinungen zur Seite
gingen und in der modernen Welt sich vervielfältigen und
ausbreiten, welche eine Abschwächung der Energie des Rechts-
willens bei Vertheidigung sowohl des objektiven Rechts wie
der subjektiven Rechte dokumentiren. Und er ward sich des
Widerspruchs bewußt, in welchem diese Entwicklungsreihe mit
seiner gesammten Denk- und Empfindungsweise stand. Im
„Kampf ums Recht" nun kommt dieser Widerspruch in einer
seiner Schärfe entsprechenden leidenschaftlichen Sprache zum
Ausdruck; und der gewaltige Erfolg, den das Schriftchen

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