Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 32 = N.F. 20 (1893))

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Adolf Merkel.

Rechts sagt. Die spezifische Funktion des Rechts liegt ja in
der Abgrenzung von Macht- und Freiheitssphären, und die
Herausarbeitung dieser Funktion in ihrer Eigenthümlichkeit ist
wesentlich begünstigt durch die Energie der konkurrirenden In-
teressen, deren Machtgebiete gegen einander abzugrenzen find.
Bei einem überwiegend passiven und altruistisch gesinnten
Volke wäre die Ausbildung der Eigenart deS Rechts, wie. sie
in Rom erfolgte, undenkbar; die treibende Kraft dafür würde
fehlen.
Jhering's Absicht war von vornherein darauf ge-
richtet, durch Darlegung des Entwicklungsganges des römischen
Rechts Beiträge zu einer „Naturlehre des Rechts", d. i. zu
einer Rechtsphilosophie zu liefern. Und seine Voraussetzung
von einem Zusammentreffen der Aufgaben der Rechtsphilo-
sophie mit einer Geschichtsschreibung dieses Charakters war
wohl begründet. Kondenstrte Entwicklungsgeschichte ist Philo-
sophie. Ein Geist, der die Entwicklungsgeschichte der Mensch-
heit völlig durchschaute und darüber zusammenhängende, kon-
zentrirte und deutliche Auskunft zu geben vermöchte, der wäre
der größte aller Philosophen. Ueber das hinaus, waS er
uns lehren könnte, gäbe es im Bereiche der Geisteswissen-
schasten für ein gegebenes Zeitalter kein mögliches allgemeines
Wissen.
Jhering's Werk enthält denn auch solche Beiträge,
und die künftige Rechtsphilosophie wird aus ihm zu schöpfen
haben. Mehrfach streift die Erörterung in ihm das historische
Gewand beinahe völlig ab. Einzelne Exkurse würden sich ein-
fach in ein System der Rechtsphilosophie aufnehmen lassen.
So derjenige über den Begriff deS subjektiven Rechts, der den
letzten Band abschließt.
Eine vollkommene Harmonie zwischen diesen Beiträgen
zur Rechtsphilosophie ist freilich nicht vorhanden. Jhering's

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