Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 32 = N.F. 20 (1893))

Jhering.

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tn der Jurisprudenz brachte Jhering später mit seinem Ver-
langen nach Befreiung von dem geistigen Drucke in Zusammen-
hang, mit welchem das rein Positive auf ihm gelastet habe.
Aber dasselbe, für ihn in hohem Grade charakteristische Ver-
langen kam gleichzeitig noch in anderer und bedeutsamerer
Weise zum Ausdruck. Zwei Wege führen ja zu diesem Ziele:
zur Befreiung von der lastenden Schwere des Stofflichen im
Rechte, oder vielmehr zu geistiger Beherrschung desselben, der
dogmatische und der genetische, die logische Verarbeitung und
Konzentration einerseits, und andererseits die Klarlegung des
geistigen Arbeitsprozesses, aus dem das überlieferte Recht her-
vorgegangen ist, in dem es sich behauptet und weiterbildet,
und in welchem zugleich die obersten Werthmaße für seine
Beurtheilung zu finden sind. Letzteres ist ohne Zweifel die
schwierigere und bedeutsamere Aufgabe, und ihr, in ihrer Be-
ziehung auf das römische Recht, wendete sich Jhering in
noch jungen Jahren mit unvergleichlicher Kühnheit zu.
Sein Verlangen, dieses Recht in solchem Sinne zu be-
meistern, entsprach dem Selbständigkeitsverlangen unseres
Volkes der fortwirkenden Thatsache der Reception des römischen
Rechts gegenüber. Dies Recht hat sich dem geistigen Organis-
mus des deutschen Volkes als eine autoritäre, der Kritik ent-
rückte Macht, als ein Stück unanfechtbarer praktischer Philoso-
phie eingesügt. Aber diese Philosophie blieb und bleibt ein
fremdes Element im nationalen Leben, so lange und so weit
sie nicht kritisch bemeistert, auf ihre Quellen zurückgeführt und
an den Bedingungen unseres eigenen wirthschaftlichen, staat-
lichen und Kulturlebens gemessen ist. Jhering war ein
Organ des nicht von heute stammenden! nationalen Selb-
ständigkeitstriebes dem recipirten Rechte gegenüber, und sein
größtes Werk, der „Geist des römischen Rechts..",
war bestimmt, diesem Selbstständigkeitsverlangen zu dienen.
XXXII. N. F. XX. 2

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