Full text: Jherings Jahrbücher für die Dogmatik des bürgerlichen Rechts (Bd. 41 = 2.F. 5 (1900))

Recht, Sitte und Sittlichkeit.

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Denn die bisherige überwiegend romaniftische Privat-
rechtswissenschaft hatte infolge Unterschätzung, jeden-
falls nicht genügender Beachtung des deutschen
Sprachgebrauchs den Anforderungen einer nationalen
Rechtssprache nur sehr unvollkommen entsprochen. Somit war
auch von dem B.G.B., trotz der unendlichen auf die Ausdrucks-
weise verwendeten Mühe und Sorgfalt, ein zufriedenstellendes
Ergebniß in dieser Beziehung noch nicht sogleich zu erwarten.
I Hering hat in seinem bereits im Eingänge citirten
Werke") die Bemerkung gemacht, beim Rechte finde fich
die Sprache auf einem Gebiete, auf dem das Volk, abgesehen
von dem engen Raume des Gewohnheitsrechts, keinen ge-
staltenden Einfluß ausübt, der vielmehr der Reflexion
des Gesetzgebers und der begri ff bi ldenden Thä-
tigkeit der Wissenschaft zufällt. Auf dem Gebiete
des Rechts, fügt er hinzu, herrsche eine solche Armuth der
Sprache, daß die Wissenschaft genöthigt sei, in manchen Fällen
den Begriff, statt ihn zu benennen, lediglich zu umschreiben
oder ihn durch Fremdworte auszudrücken 12).
Dieser Ausspruch ist zurückzuweisen als eine Aeußerung
der Anschauung I h e r i n g' s, daß das Recht nicht wie Sprache
und Sitte aus dem Bolksgeiste hervorwachse (Emanations-
theorie), sondern daß das Recht ausschließlich Kunstprodukt sei;
ferner das Leben der Sprache des Rechts, nicht das Recht der
Sprache des Lebens zu folgen habe").
11) I he ring, Zweck im Rechte (2. Ausl.), Bd 2 S. 55.
12) Ueber die Terminologie des B.G.B. im Allgemeinen s. Planck,
a. a. O. Bd. i S. 23 ff. DaS B.G.B. vermeidet es thunlichst, De-
finitionen zu geben. Die Bedeutung juristischer Ausdrücke wird als
bekannt vorausgesetzt, oder ihre nähere Bestimmung der Wissenschaft über-
lassen, z. B. die Bedeutung von „Rechtsgeschäft", „Bertrag" u. s. f. —
In einer Reihe von Fällen wird allerdings die Bedeutung eines Wortes
ausdrücklich festgestellt. Verzeichniß derselben s. a. a. O.
13) Siehe I Hering, Zweck im Rechte, Bd. 2 S. mff., und Ent-
wickelungsgeschichte des römischen Rechts (1894), S. 13 ff. Vergl. dagegen

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