Volltext: Zeitschrift für Gesetzgebung und Rechtspflege in Preußen (Bd. 5 (1871))

Literatur.

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Fitting in höchst scharfsinniger Weise aus den Resten ihrer Erörterungen
reproduzirt, welche zum Theil zu den schwierigsten Stellen der Pandekten ge-
hören, so daß sie die größte Kunst des Interpreten erfordern.
Auf der ersten Stufe, nach Augusts Verleihung der Testirbefugniß an
den filius familias miles über seinen militärischen Erwerb und der Erneuerung
und Befestigung des Privilegs durch Nerva und Trajan (S. 20) gilt der
Haussohn keineswegs schon als paterfamilias in Bezug auf das peculium
castrense; aber in Folge seines Rechts zu letztwilligen Verfügungen wird ihm
inter vivos selbstständiges Verwaltungsrecht zugeschrieben (wozu Schenkungen
und Freilassungen nicht gehören), und der Vater ist zwar Eigenthümer des
peculium castrense, aber ohne Befngniß zu Eingriffen ZUM Nachtheil des
Sohns (S. 92—124). Die weitere Entwicklung wird bestimmt durch Ver-
ordnungen Hadrians. Durch die Ausdehnung der testamentifactio auf den
filius familias veteranus h.ört das Privileg auf, ein bloßes Soldatenrecht zu
sein und wird dauernd an den militärischen Erwerb geknüpft. Hadrian ge-
stattete ferner dem Haussohn die beliebige Freilassung castrensischer Sklaven
und schrieb ihm demnächst auch das Patronat über dieselben zu. Diese
Neuerungen wollte ein Theil der Römischen Juristen als bloße Singulari-
täten in das alte Recht einfügen; eine andere siegreiche Meinung aber er-
klärte das peculium castrense nunmehr für wirkliches eigenes Vermögen des
Sohns und ließ nur für den Fall dem Vater die Vortheile des ältern Rechts
zukommen, daß der Sohn das peculium ihm nicht letztwillig entzogen hatte
(S. 128—148). Die daraus sich ergebende koniplizirte Gestaltung des
pec. castr. in der höchsten Blüthezeit der Römischen Jurisprudenz wird uns
S. 150—339 in voller Spezialität vorgeführt. Ich mache besonders auch
auf die am Schluß dieses Abschnitts sich findende Abwehr aufmerksam gegen
den Versuch einer Konstruktion des Verhältnisses in dem Sinne, daß sein
ganzer Inhalt in eine kurze Formel zusammengedrängt werden sollte. Die
Enthaltsamkeit der Römischen Juristen könnte unserer heutigen Wissenschaft
als heilsame Warnung gegen solches fruchtloses Bestreben dienen, wo an sich
selbst anomale, den allgemeinen Rechtsprinzipien widersprechende, also rein
positive Gestaltungen vorliegen.
Den Schluß bildet, nachdem schon vorher das neue Recht der Adven-
titien auf das pec. castr. eine gewiffe Rückwirkung geäußert (S. 341 bis
353), der radikale Eingriff der Nov. 118, durch welchen mit dem eventuellen
Einzugsrecht des Vaters jure peculii die Reste des ältern Rechts beseitigt,
das pec. castr. durchweg dem Vermögen eines Gewaltfreien gleichgestellt und
das Institut seines anomalen Mischcharakters entkleidet ist (S. 366—387).
Im Anschluß an die Ausbildung des peculium castr. behandelt der
Verfasier S. 388 ff. die Geschichte des peculium quasi castrense. Er be-
kämpft, m. E. mit bestem Erfolg, die bisherige Lehre, wonach dieselbe einen
durchaus sprungweiseu und willkürlichen Charakter gehabt haben und darin
bestehen soll, daß einzelne Koustitutionen fast wie nach zufälliger Laune
dieser, jener Beamtenklaffe die besondere Gunst des Besitzes eines selbststän-
digen Sonderguts trotz der patria potestas verliehen, bis Justinian endlich
einen allgemeinen Grundsatz ausstellte. Nach Fitting's Nachweisungen hängt
die Entstehung des Instituts eng zusammen mit der Entwicklung der kaiser-
lichen Bureaukratie. Mit der Militarisirung des höhern Civilbeamten-Per-

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