Full text: Zeitschrift für Gesetzgebung und Rechtspflege in Preußen (Bd. 3 (1869))

Literatur.

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einem Punkt finde eine Abweichung von der Parentelenordnung statt; dieö sei
die Ausschließung der Ascendentcu. Diese Erscheinung erklärt der Verfasser
aus dem feudalen Charakter des englischen Grundbesitzes, auf den sich die
angegebenen Grundsätze beziehen (S. 22—27).
Es wird dann weiter gehandelt von den Momenten, welche auf die
Parentelenordnung modifizirend einwirken, nämlich dem Vorzug der vollbür-
tigen vor den halbbürtigen Verwandten, von der Bedeutung des Erstgeburts-
und des Nepräsentationsrechts, von dem Vorzug des männlichen vor dem
weiblichen Geschlecht und dem Erforderniß der Abstammung von dem ersten
Erwerber.
Der Verfasser schildert darauf das Erbfolgesystem, wie es sich in den
Ouellen des normannischen Rechts, der somma de legibus consuetudinum
Normannie UNd den etablissements et coutumes de Normandie darstellt.
Vorweg bemerkt er, daß in der Normandie das Erbrecht bezüglich des Grund-
besitzes sich unter dem Einfluß des Lehnwesens gestaltet habe; zur Zeit der
somma seien Grundbesitz und Lehn' geradezu identische Begriffe. Für die
Succession ist maßgebend die Unterscheidung zwischen Erblehn und erworbenem
Gut. Beim Erblehn erbt nur der, welcher vom ersten Erwerber abstammt.
Zuerst fxicccbirt der erstgeborene Sohn des Erblassers, daun dessen Descen-
denz, und erst, wenn solche nicht vorhanden, imnier der uächstgeboreue Sohn
des Erblasiers nebst seinen Abkömmlingen. Nach der Parentel des Erblassers
wird die des Vaters desselben berufen, darauf die des Großvaters u. s. f.
In der einzelnen Parentel ist als Regel entscheidend die Nähe des Grades.
Doch erbt das Haupt der Parentel in derselben zuletzt. Daß die Ascendcnten
trotz der Lehnsqualität des Grundbesitzes zur Succession gelangen, erklärt
der Verfasser aus dem häufigen Vorkommen der Abschichtung; hierdurch wurde
das Objekt einer Folge des Vaters in das Erbe des Sohnes gegeben (S.
39—42). Darauf zeigt der Verfasser, inwiefern die Primogeniturfolge, das
" Repräsentationsrecht, oer Unterschied der agnatischen und cognatischen Ver-
wandtschaft, der vollblütigen unb halbbürtigen Geburt im normannischen Recht
von Einfluß auf das Erbrecht sind. Beim erworbenen Gut erben die As-
cendenten in ihrer Eigenschaft als nächste Verwandte, nicht weil das Gut von
ihnen an den Erblasser gekommen ist (S. 46 f.).
Endlich sucht Brunner die Parantetenorduung noch in den Contumes
der Bretagne nachzuwe'isen. Hiernach succediren in die Fahrhabe und das
erworbene Gut in Ermangelung von Kindern Vater und Mutter oder der
Überlebende Elterntheil allein. Sind Vater und Mutter todt, so gelangen
die genannten Güter an die nächsten Verwandten, zur Hälfte an die vom
Vaterstamm, zur Hälfte an die vom Mutter stamm. Das Erbgut fällt an
die Seite, von der es hergekommen. Aus die Eltern folgen die Geschwister und
deren Descendenten, dann die Großeltern, endlich Oheim und Tante des Erb-
lassers. Weiter werden die Erben nicht aufgefnhrt. Die Ascendenten stehen
hier also, abweichend vom englischen und normannischen Recht an der Spitze
der Parentelen. Der Verfasser ist der Ansicht, daß mit Rücksicht auf die
aufgezählten Erbenktassen eine Konstruktion der entfernteren im Sinne der
Parentelenordnung sich rechtfertige sS. 47—49).
Die Resultate der Abhandlung sind durchweg quellenmäßig begründet,
und Ref. trägt durchaus keiri Bedenken, dem Verfasser Recht zu geben, wenn

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