Full text: Zeitschrift für Gesetzgebung und Rechtspflege in Preußen (Bd. 3 (1869))

Endemann: Ueber die Entwickelung des Wechsels und deS Wechselrechts. 191

der Rücksicht auf ein außerhalb der Urkunde liegendes Wechselgeschäft
loszumachen.
Natürlich hatte von jeher die Wechselausstellung oder Begebung ihr
Motiv. Daß der Wechsel geschrieben und dem Nehmer zum Gebrauch
übergeben wurde , beruhte stets aus der übereinstimmenden Willens-
absicht der Betheiligten, wonach eben der Wechsel zu dem bestimmten
Gebrauch, insonderheit zum ZahlungseHffang dienen soll. Die Absicht
des Wechselgebers aber wird entweder dadurch angeregt, daß er dem
Empfänger den Wechsel, welcher ihn zum Zahlungsempfang in Stand
se^t, ohne Gegenleistung zuwenden will, oder daß er, wie dies am
häufigsten, im Geschäftsverkehr fast einzig der Fall, dazu durch Gegen-
leistung des Nehmers veranlaßt wird. Liegt eine solche Gegenleistung,
ein Aequivalent vor, mit welchem der Wechselempfänger die Ausstellung und
Uebertragung des Wechsels erworben hat, so erscheint die Verbindlichkeit
des Ausstellers, bei dem eigenen Wechsel selbst zu zahlen, bei dem trassirten
dem Wechselnehmer Zahlung durch den Trassaten zu verschaffen und zu
garantiren, recht eigentlich als eine wohlerworbene Vertragsleistung und
der Wechselvertrag, das Wechselgeschäft in diesem Sinne, da die Ur-
kunde nur eine einseitige Willenserklärung verkörpern, nicht aber mit
dem zweiseitigen Vertrag identisch sein und in sich das Aequivalent ent-
halten kann, keineswegs mit der Urkunde identisch.
Man kommt solchergestalt auf die eau8a des Wechsels, auf das Ge-
schäft, und namentlich auf das eine Gegenleistung des Wechselnehmers
involvirende Geschäft, welches den Wechsel hervorruft. Eben oieses Ge-
schäft war es, das von den Kanonisten so scharf kritisirt werden mußte,
weil von dem richtigen Verchältniß der Leistung und Gegenleistung die
Entscheidung der Frage abhmg, ob der Wechsel auch nur HU existiren
berechtigt ser. Leistung und Gegenleistung sind überhaupt bte Kriterien
der Vertragsart. Nach ihnen bestimmt sich, was für ein Vertrags-
geschäft vorliegt und welcher Titel demselben beizulegen ist. Es begreift
sich daher, daß . die Theorie, welche den Wechsel nur unter der Be-
dingung für ein vollgültiges Rechtsinftitut anerkennen zu dürfen glaubte,
wenn er die echte Grundlage eines legalen Vertrags habe, stets den, wo
nicht wörtlichen und technischen, doch erkennbaren Ausdruck der causa
desideriren mußte. Sonst ließ sich ja gar nicht errathen, was der
Wechsel vorstelle. Der Begriff der General- oder Formalobligation war
noch keineswegs geläufig und ebensowenig der, wenngleich hier und da
im Munde geführte, Begriff eines Literalaktes.
Für die Doktrin lag also, das ist klar, Grund genug vor, sich mit
der causa des Wechsels, mit dem Geschäft, von dem der Wechsel selbst,
d. h. das Werthpapier, nicht der Körper, sondern nur die Folgen, das
Vehikel, Mittel oder Objekt zu sein steint, zu beschäftigen. Allein mit
unwiderstehlicher Macht hat sich der Wechsel immer entschiedener gegen
des Recherchiren seiner inneren Seite aufgelehnt; am meisten, seitdem
er zu der Stellung gelangt war, welche die Erfindung des Giro's be-
zeichnet.
Jedes Zurückgehen auf die innere caiisa des Wechsels, auf das
Wechselgeschäft außerhalb des in sich abgeschlossenen Papiers, stört die

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