Full text: Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen und deutschen Privatrechts (Bd. 17 = N.F Bd. 5 (1879))

16

Dr. Kühne,

ten den Schuldner zur Deposition berechtige in der Art, daß
es nicht darauf ankäme, ob einer der Prätendenten sich als
Gläubiger legitimirt habe oder nichts. Diejenigen, welche
diese Ansicht vertheidigen, fügen freilich einschränkend hinzu,
daß die durch das Auftreten mehrerer Prätendenten hervorgeru-
fene subjektive Ungewißheit des Gläubigers bei dem Schuld-
ner auf vernünftigen Gründen beruhen müsse; aber sie
sagen nicht, daß sie diese Einschränkung aus der vorliegenden
oder aus einer anderen Stelle der Quellen zu rechtfertigen ver-
möchten. — Sie haben insoweit ganz Recht, als sie annehmen,
daß Ulpian und sein Gewährsmann Julian nicht alle that-
sächlichen Voraussetzungen spezifizirt haben, unter welchen in
dem von ihnen mitgetheilten Falle der Erbschaftsschuldner depo-
niren darf.
Die Stelle redet ganz allgemein von dem Auftreten zweier
Erbschaftsprätendenten; sie gibt nicht an, ob und wie dieselben
sich zu legitimiren versucht haben oder auf welche thatsächlichen
und rechtlichen Gründe jeder von ihnen sein angebliches Univer-
salerbrecht stützt. Die römischen Juristen referiren aber häufig
Fälle, ohne daß sie alle Spezialitäten, welche Voraussetzungen
der daran angeknüpften Entscheidungen bilden, mit minutiöser
Genauigkeit wiedergeben; sie trauen ihren Lesern zu, daß letz-
teren allgemein anerkannte juristische Wahrheiten so geläufig
sind, daß vor ihrer Vernachlässigung nicht noch speziell gewarnt
zu werden braucht; sie erwähnen deshalb häufig die Thatsachen
nicht, welche selbstverständlich Voraussetzungen dieser Art bil-
den. — Da Ulpian und Julian den Satz kannten, daß
Rechtsunwissenheit schadet und ohne Zweifel auch ihren Lesern
i) Dieser Ansicht scheint auch Ulrich a. a. O. S. 20 beizutreten,
indem er sagt: der Erbe sei so lange unbestimmt, als noch ein Anderer
als solus heres auftrete — und: durch die Deposition entgehe der Schuld-
ner der Mühe, die Legitimation der Prätendenten zu prüfen.

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer