Full text: Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen und deutschen Privatrechts (Bd. 23 = N.F Bd. 11 (1885))

Der deutsche Civilproceß in praktischer Bethätigung. 433

sprechung von sehr mäßiger Güte das öffentliche Leben unge-
stört weiter fließt, sind meine Anschauungen über die Be-
deutung der Justiz sehr herabgeftimmt. Das allgemeine In-
teresse wird jetzt von ganz anderen tiefgreifenden Fragen weit
mehr in Anspruch genommen, als von allen Justizfragen. Diele
halten die Justiz — vielleicht nicht ohne alle Schuld der Ju-
risten — für einen Posten, den man möglichst bei Seite zu
schieben habe. Hat man doch den höchsten deutschen Gerichts-
hof in eine Provinzialstadt, die schon längst aufgehört hat,
ein „klein Paris" zu sein, verwiesen, wo rr Gefahr läuft, in
sich selbst zu versauern. Dennoch würde ein Herabsinken der
Justiz nur bis zu einem gewissen Maße ohne schweren Schaden
ertragen werden können. Unser ganzes öffentliches Leben be-
ruht aus der stillschweigenden Zuversicht, daß das Recht in der
Justiz einen zureichenden Schutz finde. Wo diese Zuversicht
wiche, würde man eine Empfindung haben, als ob der feste
Erdboden wankte. Man wird sich erinnern, daß vor nicht
langer Zeit in Eincinnati das Gerichtshaus vom Volke ge-
stürmt wurde, weil in Widerspruch mit dem öffentlichen Rechts-
gefühl die dortige Justiz zu wiederholten Malen Mörder mit
einer so gelinden Strafe abkommen ließ, daß niemand mehr
seines Lebens sich sicher fühlte. Traurigere Zustände, als solche,
wo das allgemeine Rechtsbewußtsein in offener Empörung
gegen die Justiz sich erhebt, lassen sich kaum denken. Gewiß
sind wir von solchen Zuständen zur Zeit weit entfernt. Aber
erachtet man es für absolut unmöglich, daß sie auch bei uns
eintreten könnten? Die schwächliche Art und Weise, wie bei
uns mitunter die Strafjustiz ausgeübt wird, giebt schon heute
zu manchen Befürchtungen Anlaß. Allerdings werden die
Fehler der Justiz, welche Zustände jener Art herbeiführten, vor-
zugsweise Fehler des Charakters sein. Die oben geschilderten
Gefahren sind aber solche, die nicht allein die Intelligenz,

Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer