Full text: Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen und deutschen Privatrechts (Bd. 23 = N.F Bd. 11 (1885))

Der deutsche Civilproceß in praktischer Bethätigung. 431
deutlich gezeichnet. Wenn dort die Hoffnung ausgesprochen
wurde, daß die Praxis diese Gefahren wohl überwinden werde,
so geschah es in dem Sinne, in welchem man Unabwendbarem
gegenüber Hoffnungen ausspricht, um möglichst günstig ge-
staltend auf die Zukunft zu wirken. Es möge mir aber ge-
stattet sein, meine schon damals kundgegebene Voraussicht über
die Wirksamkeit der neuen Proceßordnung im Ganzen hier
wiederzugeben. Ich sagte: „Tritt der Entwurf ins Leben, so
wird er in denjenigen Ländern, in welchen bisher ein sehr ver-
wahrlostes Proceßverfahren bestanden hat, ohne Zweifel als
Wohlthat empfunden werden. In denjenigen Ländern dagegen,
wo bereits auf andere, größere Wahrheit in sich tragenden
Grundlagen*) ein gut geordnetes Verfahren besteht — und als
ein solches läßt sich doch wohl im großen Ganzen der Proceß in
Preußen bezeichnen — wird das Verfahren des Entwurfs, trotz
vieles Guten in seinen Einzelheiten, schwerlich befriedigen. Der
Formalismus, welcher die Durchführung des Princips der
Mündlichkeit in sich trägt, die Rechtsunsicherheit, welche sich
darin fühlbar machen wird, daß die Parteirechte in so vielen
Beziehungen rein vom Belieben des Gerichts abhängen, die
schwerere Belastung der Anwälte ohne entsprechende Entlastung
der Richter (mindestens der fleißigen) und ohne entsprechenden
Nutzen für die Sache, die Gefährdung des materiellen Rechts
durch die größere Abhängigkeit des Obsiegs von der Ge-
schicklichkeit des Anwalts, die Vertheuerung der Processe, welche
sich voraussichtlich daraus ergeben wird, daß alle Irrungen
der völlig sich selbst überlassenen Anwälte den Parteien weit

1) An früherer Stelle war gesagt: „Die Mündlichkeit als Princip
des Processes entbehrt der inneren Wahrheit. Ihr diese geben
wollen, hieße in die ersten Anfänge der Rechtsbildung uns zurückver-
setzen."

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