Full text: Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen und deutschen Privatrechts (Bd. 23 = N.F Bd. 11 (1885))

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Dr. O. Bähr,

aber deshalb, weil die Civilrechtsprechung die Schule für die
gesammte Justiz, die Justiz aber wieder die Schule für einen gro-
ßen Theil des höheren Beamtenstandes bildet. Die wichtige Be-
deutung der Civilproceßordnung liegt hiernach in der Erziehung,
die sie dem Juristenstand und mittelbar dem Beamtenstand über-
haupt ertheilt. Solche Gesetze aber, welche auf die gesammte
Erziehung des Volkes oder einzelner wichtiger Theile desselben
wirken, üben einen weit tiefer greifenden Einfluß aus, als
man im ersten Augenblick merkt. Ihre eigentliche Wirksamkeit
zeigt sich erst nach Jahrzehnten oder nach einem Menschenalter.
Dann aber macht sie sich um so tiefer fühlbar, als es, auch
wenn man Mittel der Umkehr in Bewegung setzt, doch min-
destens eines gleichen Zeitraumes bedarf, um ihre Wirkungen
wieder aus der Welt zu schaffen.
Die Civilproceßordnung war das eigenste Werk des Mi-
nister Leonhardt. Er hat bei ihr, bis auf einen einzigen, aller-
dings schwerwiegenden Punkt, in allen wichtigen Fragen seine
Ansichten durchgeführt. Für die Beurtheilung dieses Werkes
wird es daher dienlich sein, einen etwas weiteren Gesichtskreis
zu beschreiten und die gesammte Thätigkeit des Minister Leon-
hardt auf dem Gebiete der Gesetzgebung in Betracht zu ziehen.
I.
Minister Leonhardt, dessen Bildungsgang hier kurze Er-
wähnung finden mag, war nach dem Vorbereitungsdienst zu-
nächst Anwalt geworden und hatte als solcher mehrere Jahre
mit Auszeichnung gedient. Im I. 1848 wurde er als Refe-
rent in das hannoversche Justizministerium berufen, wo er
nach französischem Muster die hannoversche Proceßordnung be-
arbeitete; ein Werk, welches seinen Ruhm theils seiner Form-
vollendung, theils dem Umstande verdankt, daß es für Han-
nover, welches bis dahin in den kläglichsten Proceßzuständen

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