Full text: Jahrbücher für die Dogmatik des heutigen römischen und deutschen Privatrechts (Bd. 26 = N.F Bd. 14 (1888))

Zur Besitzlehre.

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wird mindestens demjenigen gegenüber, welcher ein schlechteres
Recht an der Sache hat? Eine solche Schöpfung ist zunächst
das Publicianische Recht. Eine weitere hat sich auf Grund
des durch die Interdicte gewährten Rechtsschutzes in der possessiv
entwickelt. Und wenn man dies alles erwägt, so wird man
wohl die Frage, warum der Besitz geschützt werde, nicht
weiter stellen.

X.
Die bisherige Betrachtung bewegte sich im Bereiche der
Schöpfungen des klassischen römischen Rechtes. Wir stellen
jetzt diesen Schöpfungen einen anderen Gedanken gegenüber,
der das heutige Recht beherrscht. Dieser Gedanke liegt in dem
Satze: Eigenmacht ist im geordneten Staate
unerlaubt. Von diesem Gedanken gehen offensichtlich bereits
eine Anzahl römischer Kaiser-Constitutionen aus. Allein er
ist dort zu keiner vollständigen theoretischen Entwickelung ge-
kommen. Heute in der That beherrscht er unsere gesammte
Rechtsanschauung» °).
Eigenmacht wird geübt, wenn Jemand zur Erlangung

30) Wenn Wind sch erd in der 6. Auflage seiner Pandekten (§ 183),
sich selbst gegen früher verbessernd, sagt: „man dürfe nicht den Satz auf-
stellen, daß Selbsthülfe als solche unerlaubt sei, d. h., daß eine an sich er-
laubte Handlung dadurch zu einer unerlaubten werde, daß sie zum Zweck
der Selbsthülfe vorgenommen werde", so wird in dieser Erläuterung jener
Satz gewiß von Niemanden bestritten werden. Die Frage ist nur die:
wird ein Eingriff in die Rechtssphäre eine- Andern dadurch erlaubt, daß ich
auf das, wa8 ich dadurch erlangen will, materiell ein Recht zu haben
glaube? Diese Frage läßt W i n d s ch e i d unbeantwortet. Dernburg sagt:
„Selbsthülfe ist entweder Selbstvertheidigung oder Selbstbefriedigung. Crstere
ist in der Regel berechtigt, letztere nicht". Hiergegen ist, wenn es richtig
verstanden wird, nichts einzuwenden. — Um den bestrittenen Ausdruck
„Selbsthülfe" zu vermeiden, gebrauche ich den Ausdruck „Eigenmacht".

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