Full text: Abhandlungen civilistischen und criminalistischen Inhalts (Bd. 6 (1848))

Beilage II. Mittelalterisches Recht.

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2) die Zeit seit dem zwölften Jahrhundert.
I. In der ersten Zeitgeschichte ist sowohl unter den Ita-
lienern wie jetzt auch unter den Deutschen Vieles geschehen,
um in einer Periode, wo es so vielfach an diplomatischen
Zeugnissen fehlte, die traditionelle Fortbildung derRechtö-
ansichten nachzuweisen. Für diese Zeit haben wir eben wenig
geschriebene Documente; dagegen erkennt man bald aus den
öffentlichen Einrichtungen, daß schon damals Nichts mehr auf
die römischen Formen des Prozesses ankam, sondern es über-
all nur darum galt, das materielle Recht zu finden, welches
überhaupt der Geist der germanischen Ordnung ist. Die ger-
manischen Grafen in Italien hielten sich blos an dieses Prin-
cip und Alles aus dem Reiche der alten Welt mußte unter-
gehen, was aus einer durch Formelwesen gebildeten Logik kam.
Wer verstand damals noch dasjenige, was wir jetzt erst aus
dem IV. Buche des Gajus gelernt haben?!
Seit dem zwölften Jahrhunderte aber traten zu den Volkö-
ansichten die juristischen Begriffe der antiken Wissenschaft. Wollte
man aber diese beleben, so konnte man nicht nochmals ein rö-
misches Volk schaffen, sondern man mußte die Begriffe aus ger-
manischem Stoff bilden: man mußte fortfahren, ohne Formen
das materielle Recht zu untersuchen, natürlich durch Erklärungen
und Beweise der streitenden Theile, welche in sicheren Terminen
aufeinanderfolgten, und wo jede Erklärung nur das Resultat ei-
nes Termines und des Zweckes war, der in dieser Tagfahrt
gefunden werden sollte. Also war die litis contestatio keine
reelle Erklärung darüber mehr, wie man den Prozeß
wollte angesehen haben, sondern nur die allgemeine Er-
klärung, daß der Richter über das materielle Recht ent-
scheiden solle.
II. In der Beziehung der zweiten Periode fehlt es nicht
an einer Reihe von Zeugnissen, die man entwickeln kann aus
der Glosse zum römischen Recht, aus dem canonischen Recht
und aus den italienischen Stadtrechten. Was die letztem be-
trifft, so muß man nur die zwei Classen derselben unterschei-
den , die mit der Geschichte des italienischen Städtelebens in
der innigsten Verbindung stehen: die wenig erhaltenen Sta-
tuten bei-’ ersten Zeit, welche nur Erinnerungen sind der
Zeit vor dem zwölften Jahrhundert, beweisen blos die oben

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