Full text: Hof und Staat (Bd. 2 (1809))

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Heinrich. Du wirst wohl selbst gestehen müssen, 
diß alle Erkenntniß nur aus eigner Thätigkeit gebildet wird. 
Gotthold. Sophiste! — und woher käme denn 
diese Thätigkeit, die nicht in allen ist? 
Heinrich. Das Talent 
Gotthold. Du sagst alles, um nur das Letzte nicht 
zu sagen. Gesteh frey, sie kommt von Gott, und wem 
er nicht gegeben hat, in Kindesunschuld von dem Wissen 
ein zu bleiben, oder in durchgeführter Wissenschaft die 
Welt zu überwinden, der irrt in Nacht und Jrrthum. 
Heinrich. Und in Sünde? 
Gotthold. Jn Sünde! 
Heinrich. Und ohne seine Schuld? denn dein Gote 
hat es ihm ja nicht gegeben. 
Gotthold. Was nennst du denn seine Schuld? 
was ist denn er? ist er nicht dieses Individuum, in wel¬ 
ches sein Schöpfer jenes gelegt, und dieses nicht gelegt 
hat? und hast du nicht gelesen, daß „welche er voraus 
„bestimmt hat, die hat er auch berufen, und welche er 
„berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht, und welche 
„er gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht? 
Heinrich. Du predigst. Dein Feuereifer steigert 
meine Zweifel. 
Gotthold. „Und wer darf seinem Schlusse wider¬ 
„stehen? bist du es, Mensch, der widersprechen will? 
„Darf auch zum Bildner das Gebilde sagen: warum hast 
„du mich so gebildet? oder darf der Töpfer nicht Gefässe 
„bilden nach Belieben? Gefässe zu gemeinem und zu herr¬ 
„lichem Gebrauche? 
Heinrich. Ich bitte dich, gieb Rede, wie ich frage. 
Jch fragte dich, ob Wissen Sünde sey? 
Gott= 
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*) Diese Stellen sind aus: Römer VIII. 29, 30. IX. 19-22 
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