Full text: Allgemeine juristische Zeitung (Jg. 3 (1830))

ausgebrütete Erstlinge angehender junger Docenten 
und Literatoren sich verkriechen, und doch, wie die Er¬ 
fahrung lehrt, ehrwürdige hohe und höchste Gerichte 
nicht selten plötzlich aus ihrem seitherigen Gleise zum 
Erstaunen des ganzen Landes herausbringen, bis ein 
anderer Aufsatz in einem nachfolgenden Hefte sie wieder 
beruhigt und in den alten, oder auch wohl in einen 
neuen Mittelweg wieder einlenken läßt! — Wohl 
möchte man da fragen, ob die Beachtung des ältern 
Gerichtsgebrauches nicht besser wäre, als eine solche, 
wahrlich oft kläglich genug erscheinende Freiheit und 
Selbstständigkeit? Eine solche erfordert nicht bloß 
andere VorStudien, als die Mehrzahl unserer Rich¬ 
ter und Anwälte gemacht haben, sondern auch andere 
fortgehende Studien, als wozu die Meisten sich 
aufgelegt und angetrieben fühlen. Allein: Alea jacta 
est, eine vollständige Rückkehr zur ältern Praxis scheint 
uns jetzt ebenso unmöglich, als eine vollständige Wie¬ 
derkehr des Deutschen Reiches mit allen seinen geist¬ 
lichen und weltlichen Anhängseln, als für Frankreich 
eine Wiederkehr des goldnen Zeitalters von Louis XIV. 
wovon die Ultra's träumen; als überhaupt jeder Rück¬ 
schritt in der Geschichte. — Was von ünsern Euro¬ 
päischen Völkern nach allen Seiten ihres Daseyns hin, 
in Beziehung auf Staat und Kirche, Handel und Ge¬ 
werbe, Wissenschaft und Kunst gilt, gilt auch vom 
Rechtsleben, und was uns betrifft, wie von den übri¬ 
gen Theilen unsers Rechtes, besonders auch vom Civil¬ 
Rechte. Ueberall heißt es: Jetzt frisch hindurchgedrun¬ 
gen! mit Anstrengung aller Kräfte aus der Macht 
der Täuschungen und Irrthümer mancherlei Art hin¬ 
durchgedrungen zum einfältigen klaren Lichte der Wahr¬ 
heit, zur Natur, zur Weisheit! Die rechte Wahr¬ 
heitsliebe, die rechte Demuth, der heilige Geist Got¬ 
tes möge aber bei diesem Streben die Völker vor jenem 
thörichten Wahne sichern, dem sie länger als ein Jahr¬ 
hundert hindurch huldigten, und den sie durch harte 
Leiden und Prüfungen, sowie durch ihren jetzigen Zu¬ 
stand der Unnatur, der Verwirrung, der theilweisen 
Entziehung des Höchsten im Leben, des christlichen 
Glaubens und des nationalen Rechtsbewußtseyns, haben 
büßen müssen! — Frisch hindurch aus dem Wuste 
halbwahrer Theorien, modernisirter systemelustiger Hy¬ 
pothesen, todter Wortklaubereien, welche das gegen¬ 
wärtig zur Anwendung kommende Römische CivilRecht 
bilden, hindurch zu der frischen Natur, welche so kräf¬ 
Max-Planck-Institut für 
tig und einladend uns aus den Worten der alten Ju¬ 
risten Roms entgegenhaucht, und die, mit offenen Sin¬ 
nen und liebender Anerkennung aufgefaßt, ungeachtet 
der äußern fragmentarischen-Gestalt, doch in ihrem 
großen innern Zusammenhange von uns wieder anerkannt 
und sowohl wissenschaftlich dargestellt, als ganz beson¬ 
ders auch praktisch angewandt werden soll! Möchte man 
es nur allgemein erkennen, wie das rechte Studium des 
Römischen Rechts, ungeachtet des fragmentarischen Zu¬ 
standes seiner Quellen, und zum Theil selbst durch die¬ 
sen begünstigt, vor allen im Stande ist, Sinn und 
Verstand der Menschen von allen Abwegen der einen 
oder andern Art zurückzurufen, und sie zu dem geschickt 
zu machen, wozu der Schöpfer sie uns verliehen hat, 
nämlich, die naturalis ratio, das Bonum et aequum 
in allen Verhältnissen der Schöpfung, auch in denen 
des geschichtlichen Staats= und Völkerlebens zu erkennen 
und festzuhalten! — Mit Recht sagt Adam Müller 
in seinen Elementen der Staatskunst, obschon er eben 
da das Römische Recht und seine spätere Anwendung 
auf eine ungerechte Weise anklagt, daß die Beschäf¬ 
tigung mit dem Römischen Rechte die beste Arznei 
gegen unklares, schwärmerisches Brüten sey, und den 
Geist wieder nüchtern und gesund und zu seinem irdischen 
Berufe tüchtig mache. Und in dieser Hinsicht hat das 
Studium des Römischen Rechts gewiß eine besondere 
welthistorische, und für uns zugleich eine zeitgemäße 
Bedeutung, kraft der es wesentlich mitwirken wird, 
uns für einfache Natur und Wahrheit in unsern bür¬ 
gerlichen und anderweitigen Verhältnissen wieder em¬ 
pfänglich zu machen, und so allmählich auch der jetzt 
sosehr zurückgedrängten ungesuchten NationalAnschauung 
von öffentlichen und bürgerlichen Rechtsverhältnissen 
wieder Anerkennung zu verschaffen. Mit Einem Sprunge 
gelangen wir in diesen Zustand eines wahrhaft nationa¬ 
len Rechtslebens nicht. Das Römische Recht mit seiner 
wissenschaftlichen Tiefe, seiner praktischen Lebensfülle 
und Anschaulichkeit ist für unsere Zeit zunächst dazu da, 
daß wir uns an ihm allmählich erst wieder aus dem 
Schlamm todter Schulbegriffe zu lebendigen RechtsIdeen 
aufarbeiten, daß wir aus unserer naturrechtlichen After¬ 
Cultur zu einer wahrhaften rechtswissenschaftlichen Bil¬ 
dung gelangen, und diese alsdann, wie sich in wenigen, 
Jahren schon so vielfach gezeigt hat, zur wissenschaft¬ 
lichen Wiederbelebung unserer einheimischen Rechtstheile, 
sowie zur ächtpraktischen Wiedergeburt unsers rechtlichen
	        
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