Full text: Allgemeine juristische Zeitung (Jg. 3 (1830))

67 
„mehrere Schläge auf den Kopf beibringt. Hauser 
„stürzt besinnungslos zu Boden, winselt und wälzt sich 
„und lockt durch dieß Getöse die im obern Stocke ar¬ 
„beitende Magd herbei. Auf das laute Angstgeschrei 
„der Magd entflieht der Mörder, soll aber unter der 
„Flucht die deutlichen Worte von sich gegeben haben: 
„„Du sollst mir doch nicht lebendig aus Nürnberg kom¬ 
men"! — Kaum zur Besinnung gekehrt (die Wunden 
„waren zwar stark, aber nicht tödtlich), rafft der un¬ 
„glückliche Junge alle seine Kräfte zusammen und flie¬ 
„het, von Schrecken gepeitscht, in den Keller. Da 
„verfiel er bei seinem schwachen Nervensysteme in 
„Wahnsinn, und tobte so gräßlich, daß anan ihn fes¬ 
„seln und so lange bewachen mußte, bis er von seinem 
„höchst fieberhaften Zustande durch alle mögliche ange¬ 
„wandte Mittel wieder zur ruhigen Besonnenheit zu¬ 
„rückgekehrt war. — Hauser's Schilderung nach war 
„jener vermummte Mann von mittlerer Größe, breiter, 
„untersetzter Statur, und trug einen schwarzen (viel¬ 
mit schwarzen Panta¬ 
„leicht einen braunen) Ueberrock, 
Es ist wahrscheinlich, 
„lons und gewichsten Stiefeln. 
„daß dieser verruchte Mensch, dessen Kleid allen Um¬ 
„ständen nach mit Blut bespritzt seyn muß, die genannte 
„Kleidung nicht gewöhnlich trägt, sondern sich ihrer 
„nur für den Augenblick bediente, um desto unkenntli¬ 
„cher zu bleiben." 
Auf die Entdeckung dieses Verbrechers hat bekannt¬ 
lich Se. Maj. der König von Baiern eine Belohnung 
Dieser Vorfall ist nun 
von 500 Gulden gesetzt. — 
nicht bloß für alle, welche überhaupt an dem Schicksal 
des armen Caspar Hauser warmen Antheil nehmen, 
von Interesse, sondern gibt auch einiges Licht mehr in 
dieser an sich so höchst dunklen und verworrenen Ge¬ 
schichte. Es geht nämlich daraus soviel hervor, daß 
die Entdeckung der Geburtsverhältnisse des Hauser aller¬ 
dings für Jemanden höchst gefahrbringend seyn müssen, 
sowie daß dessen Entlassung aus dem Gewahrsam nicht 
mit Genehmigung des Hauptanstifters des 
ursprünglichen Verbrechens geschah, weil sonst 
nicht einzusehen, warum derselbe jetzt mit einer soviel 
vergrößerten Gefahr der Entdeckung ihm nach dem Le¬ 
ben trachtete. Wahrscheinlich erfuhr er erst durch das 
Gerücht die Flucht und vielleicht selbst die Existenz des 
todtgeglaubten Haufer, und unternahm jetzt in eigner 
Person die Ermordung des Verhaßten. Denn bei uns 
findet sich Gottlob! nicht so leicht ein Bandit, der 
mit dem Dolche umzugehen weiß und für Geld und 
Max-Planck-Institut 
gute Worte einen Mordauftrag annimmt und ausführt. 
Auch gestattete eine solche Sache nicht Eröffnungen an 
einen Dritten, dessen Treue hier stets sehr ungewiß 
bleiben mußte. Es ist daher wohl nicht zu bezweifeln, 
daß wir hier den Haupturheber der Leiden des Hauser: 
selbst vor uns haben, der nach allen Umständen zu 
schließen, höchstwahrscheinlich den höhern Ständen an¬ 
gehört und durch den vorgeblichen Tod des Hauser in 
den Besitz eines großen Vermögens gekommen ist. 
Vergleichen wir nun aber mit seinem Auftreten in 
dieser tragischen Geschichte das des frühern Wärters 
und Begleiters des Hauser; so möchte es kaum noch zu be¬ 
zweifeln seyn, daß Letzterer auch an sich weit weniger 
strafbar ist. Für folgende Hypothese scheint uns unter 
den jetzigen Umständen das Meiste zu sprechen. Hau¬ 
ser war nicht in einer Stadt oder einem Dorfe, 
sondern in einer einsam gelegenen, von Wenigen 
bewohnten Wohnung, vielleicht einer Burg, oder einem 
Kloster, oder einem Jägerhause, eingesperrt. Dafür 
spricht, daß er in seiner Zelle, ungeachtet sie Fenster 
nach Außen hatte, ein Geräusch von vielen Kindern 
oder andern Menschen, von Wagen, Vieh und der¬ 
gleichen gehört haben will. — Hauser war schon als 
Kind von seinem Feinde dem Tode geweiht, einem 
Untergebenen zur Ermordung übergeben, von diesem 
aber geschont, heimlich verborgen gehalten, und später 
nach Nürnberg gebracht. — Für diese Anfangs sehr ge¬ 
wagt erscheinende Vermuthung, spricht Folgendes: 
Der Wärter des Hauser beurkundete bei aller Rohheit 
doch ein gewisses Interesse für ihn, z. B. in dem ihm 
ertheilten Unterricht, in den ihm mitgegebenen Büchern 
und kleinen Habseligkeiten, in dem Empfehlungsschrei¬ 
ben an den Rittmeister der Schwolischen Husaren. 
Wenn er ihn wegen Lärmens in seinem Gefängnisse 
hart züchtigte; so erklärt sich dieses leicht aus der 
Furcht vor der Entdeckung, die ihn auch viele Jahre 
hindurch veranlaßte, ihm nur des Nachts die nöthig¬ 
sten Lebensmittel und Handreichungen zu leisten. 
Wahrscheinlich haben Veränderungen im Hause (vielleicht 
das Wegziehen des Herrn oder Obern) ihm in der letz¬ 
ten Zeit größere Freiheit gegeben, und ihm gestattet, 
den Caspar sowohl bei Tage zu besuchen, als auch an seine 
Entfernung zu denken. Wenn er auf der Flucht dem 
Caspar die mitgenommenen Kleider nicht gleich anzog; 
so geschah es vielleicht, um Caspar als einen verlaufe¬ 
nen, nicht zu ihm gehörenden Betteljungen darstellen 
zu können, oder um durch seine Unbehülflichkeit im
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer