Full text: Allgemeine juristische Zeitung (Jg. 3 (1830))

könne, auf die Versprechungseide auch nicht anwendbar 
sey, und durch das Beispiel der Apostel nicht gerecht¬ 
fertigt werde, indem diese sich bei den gebrauchten 
Worten: Gott ist mein Zeuge! nur auf seine Allwis¬ 
senheit hätten beziehen wollen. Wir bemerken dagegen 
nur Folgendes. 
Der Eid hängt mit dem innern religiösen Leben 
der Völker aufs Engste zusammen. Dieses ruht aber 
auf dem lebendigen Glauben an eine in allen Verhält¬ 
nissen des Ganzen, wie des Einzelnen allmächtig wal¬ 
tende und regierende Gottheit. Davon, daß man 
aus lauter Anerkennung der übergroßen Größe der 
Gottheit und aus Furcht vor jeder Vermenschlichung 
derselben sie aus dem reich bewegten Leben der Men¬ 
schen in eine kalte nackte Ferne banne, haben die Völ¬ 
ker selbst nie etwas gewußt. Alle ihre religiösen In¬ 
stitute sind aus einem warmen und lebendigen Gefühle 
für die nahe und allmächtig waltende, wenn auch un¬ 
vollkommen erkannte Gottheit hervorgegangen, hinge- 
gen nicht aus jenem todten und abstracten Begriffe ei¬ 
ner fernen unbegreiflichen Gottheit, noch allein aus 
Priesterränken und Priesterherrschsucht, wie man nur 
zur Zeit der völlig äußerlichen Behandlung der Ge¬ 
schichte und der Unbekanntschaft mit dem wahrhaften 
innern NationalLeben annehmen konnte. — Dieß gilt 
vor allen auch vom Eide. Wer daher den Eid in sei¬ 
ner geschichtlichen Bedeutung verstehen will, muß im 
Stande seyn, in das von der heiligen Gottesnähe ergriffene 
und von lebendiger Ehrfurcht erfüllte und durchdrungene 
Gemüth der Völker hineinzublicken, oder er wird, wie 
unser Verf., selbst in dem Heiligsten ein Unheiliges er¬ 
blicken, und den eigentlichen Sinn der geschichtlich ge¬ 
bildeten Institute erkennen. Deßhalb kann auch dasje¬ 
nige nicht genügen, was der Verf. weiter über den 
Eid der Römer, Germanen und anderer heidnischer 
und christlicher Völker beigebracht hat. Ohne uns hie 
in eine nähere Entwicklung der eigenthümlichen Ansich¬ 
ten und Gebräuche der Israeliten, Römer und Ger¬ 
manen, deren Recht in dieser Lehre auch für uns nock 
von besonderem Interesse ist, einlassen zu können, be¬ 
merken wir nur: daß der Eid sich geschichtlich überall 
in einer dreifachen Form darstellt, nämlich als die feier¬ 
liche Betheurung der Wahrheit einer vergangenen, der 
Aechtheit einer gegenwärtigen, der Sicherheit einer 
künftigen Handlung, sowie daß das Feierliche im Eide 
wesentlich darin beruht, daß ein dem Schwörenden 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
zu Berlin 
heiliger Gegenstand angerufen und zum Zeugen 
genommen wird, wie darin neuerdings Grimm in 
seinen Deutschen Rechtsalterthümern (B. 2, S. 893) 
richtig und scharfsinnig das Wesen des Eides gesetzt 
hat. Besonders verdient Beachtung dasjenige, was er 
über den Eid als feierliche Betheurung der Aechtheit 
einer gegenwärtigen Handlung anführt und zwar zu¬ 
nächst zur Erklärung der ältern Deutschen Consacra¬ 
mentalen oder Eideshelfer. Solche Eide zur Betheu¬ 
rung der vollkommenen Rechtskraft und der ausgezeich¬ 
neten Wichtigkeit einer Handlung kennen wir auch noch 
jetzt, indem z. B. alle im Namen der heiligen Dreiei¬ 
nigkeit geschlossene völkerrechtliche Verträge, sowie 
die im Namen Gottes verfaßten Testamente und ähn¬ 
liche Acte als unter eigenthümlicher eidlicher Form er¬ 
richtet angesehen werden müssen, nur daß diese Form 
jetzt in der Regel ohne besondere rechtliche Bedeutung 
ist. Was aber die feierliche Anrufung beim Eide betrifft; 
so kamen alle åltere Völker mit einander darin überein, 
daß sie nicht bloß unmittelbar bei der Gottheit, sondern 
auch bei andern heiligen Gegenständen schwuren (die 
spätern Römer z. B. auch beim Genius oder der Salus 
Caesaris, L. 13. §. ult. D. (12, 2.); L. 41 C. (2,4.); 
L. 2. C. (4, 1.). 
(Schluß folgt.) 
Correspondenz= und Zeitungsnachrichten. 
London, 1. Januar. (Todesstrafen in England). Gestern, 
am letzten Tage des Jahres, fand hier noch die Hinrichtung von 
vier Verbrechern Statt, wovon der Eine sich einer Banknoten Ver¬ 
fälschung, der Andere eines Schaafdiebstahls und zwei des gewalt¬ 
samen Einbrechens schuldig gemacht hatten. — Die Times führt 
Beschwerde darüber, daß das Urtheil über diese Leute, die bereits 
im September gerichtlich überführt wurden, und seitdem allerlei 
Pläne zur Flucht und zum Selbstmorde, im Einverständnisse mit 
ihren Freunden außerhalb des Gefängnisses, geschmiedet hätten, 
erst jetzt (!) zur Vollstreckung gelangt sey. — „Wir sehen", fährt 
das genannte Blatt fort, „für ein solches Verfahren weder 
einen Grund der Politik, noch einen der Menschlichkeit. Was die 
erstere betrifft; so würde nichts den Verbrecher im Allgemeinen 
mehr erschrecken, als die Furcht vor einer schnellen Hinrichtung, 
sobald der Tod einmal beschlossen ist. In Hinsicht der Menschlich¬ 
keit aber ist die Zeit, die zwischen diesen beiden grausenvollen Epo¬ 
chen verstreicht, nur eine Zeit der Tortur, die, jemehr sie abge¬ 
kürzt wird, umso wohlthätiger für den Verurtheilten ist." - 
Andere Blätter nehmen von den gestrigen Hinrichtungen wieder 
Veranlassung, die Unzweckmäßigkeit der in England so häufig an¬ 
gewandten Todesstrafen darzustellen. Namentlich sagt der Sun: 
„Wir setzen die Gerechtigkeit und den Nutzen eines solchen Schau¬
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer