Full text: Annalen der deutschen und ausländischen Criminal-Rechts-Pflege (Bd. 3 = H. 5/6 (1829))

309 
ten, wobei er ihn an der Schulter packte, und ihn mit Unge¬ 
stüm vor sich herstieß. Als der Greis sich hiergegen vertheidigte 
und diese Scene Aufmerksamkeit erregte, befahl der Präsident 
den Gendarmen, den alten Mann hinauszuführen. Einer von 
den Advocaten des Gerichts erhob sich hierauf, und sagte zu dem 
Präsidenten, dieser Mann habe kein Vergehen begangen, indem 
er sich auf die Bank der Gendarmen gesetzt; er sey ein ehemali= 
ger Advocat vom Pariser Parlament, ein achtzigjähriger Mann 
den er sehr wohl kenne, der hier fremd sey, und dessen weiße 
Haar der Gendarm wohl hätte achten sollen. Obgleich nun der 
Greis versicherte, daß er seit 1774 Advocat sey, und stets die Ge¬ 
richte respectirt habe, auch seine Einlaßkarte für den innern Raum 
des Gerichtssaals vorzeigte, befahl der Präsident den Gendarmen 
dennoch / ihn ohne Geräusch zu entfernen, worauf der Alte frei= 
willig abging. Alle Advokaten verließen sogleich ihren Sitz und 
folgten dem Greise; der Vertheidiger des Angeklagten aber sagte: 
„ich würde Ihnen gewiß folgen, meine Herren, wenn meine 
Pflicht mich nicht hier zurückhielte." 
Die Angeklagte wurde übrigens freigesprochen. 
Merkwürdiger Mordversuch. 
Ein junger Mann, Namens Lorenz, war als Stellvertreter 
eines Rekruten bei einem in Paris stehenden Regiment in Dienst 
getreten. Jm December vorigen Jahres war er, um sich vor 
der Militair-Revisionsbehörde zu stellen, nach Versailles beor¬ 
dert worden, und hatte dort mit einem öffentlichen Mädchen, Ga¬ 
*) Der aus der Versammlung vertriebene 80jährige Advokat hat, bei 
Einsendung seines von 1774 datirten Diploms, folgendes Schreiben an 
den Redakteur eines öffentlichen Blattes drucken lassen: „Ich wußte nod 
nicht, daß es ein Prätorialvergehen sey, sich aus Irrthum auf das Ende 
einer leeren Bank zu setzen, die für die Gendarmen bestimmt, gewöhnlich 
aber vom Publikum besetzt ist. In jedem Alter kann man etwas lernen 
und gestern habe ich erfahren, was man noch nie gesehen hat: ein acht 
zigjähriger Advokat wird aus der Gerichtsversammlung weggewiesen, nach 
dem er seinen Stand angezeigt hat! Erlauben Sie mir, den Herren Ad¬ 
vokaten des Gerichtshofes zu Rouen meinen Dank für das Wohlwollen 
zu erkennen zu geben, welches sie mir bei Gelegenheit der gegen mich an 
Vortage 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
zu Berlin
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer