Full text: Annalen der deutschen und ausländischen Criminal-Rechts-Pflege (Bd. 3 = H. 5/6 (1829))

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Der Vertheidiger brachte die schon in erster Instanz für den 
Angeklagten geltend gemachten Gründe wieder vor, daß derselbe 
durch die Härte seiner Stiefmutter in's Elend gerathen wäre, und 
daß eine Moral, die stark genug sey, um einer Versuchung in so 
drückender Noth zu widerstehen, über die intellektuellen Fähigkeiten 
desselben hinausgehe. Er war der Meinung, daß hier wenigstens 
der §. 463 des peinlichen Gesetzbuchs in Anwendung zu bringen 
sey, welcher dem Richter eine Milderung der Strafe freistelle, 
wenn in den Umständen eine Entschuldigung der That liege. 
Der General=Advokat hob die zum Beweise und zur Er= 
schwerung der Schuld gereichenden, in den, durch Herrn Paul¬ 
miers Vermittelung von dem Angeklagten selbst abgelegten, Ge¬ 
ständnissen liegenden Umstände heraus, und ergriff diese Gelegen¬ 
heit, um dem würdigen Taubstummenlehrer für seine Bemühun, 
gen und die den Gerichten in solchen Angelegenheiten bereitwillig 
geleistete Hülfe zu danken. 
u Der Gerichtshof reducirte, in Anwendung des §. 463, unter 
Berücksichtigung der vorhandenen Milderungsgründe, die Strafe 
auf einmonatliche Einsperrung. 
Herr Paulmier richtete auf Einladung des Präsidenten eine 
rührende Ermahnung an den Verurtheilten. Er deutete ihm durch 
Zeichen ein höheres Gericht an, welches das Werk des ersten Ge¬ 
richts vernichtet habe. Er nahm eine drohende Stellung an, 
zeigte ihm Ketten, Kerker und Gefesselte, und machte ihm be¬ 
greiflich, daß er dies, so wie die Brandmarkung zu erwarten 
habe, wenn er in neue Verirrungen zurückfiele. Dann erhob er 
die Hand wie zu einem feierlichen Eide, und seine Geberde ward 
so lebendig und beredt, daß Hue, davon ergriffen, wie aus inne¬ 
rer Bewegung, dieselbe Geberde wiederholte, und in reuiger Stel¬ 
lung einen für Gott allein hörbaren Eid leistete. 
Der Präsident schloß mit einer im Namen des Gerichtsho, 
fes an Herrn Paulmier gerichteten nochmaligen Danksagung. 
I. 
Neue Nachrichten von Contrafatto und 
Molitor.*) 
Paris, den 26. Dezember 1828. 
Von den Züchtlingen auf den Galeeren zu Brest haben vier¬ 
zehn neulich, bei Gelegenheit des Namenstages des Königs, gänz= 
*) S. Bd. I. S. 400—411 und S. 412. 
Vorse 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
zu Berlin
	        
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