Full text: Archiv des Criminalrechts (N.F. Jg. 1840 (1840))

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zur Lehre von der Fälschung. 
zu können). Die übrigen Species lassen den festen An= 
haltspunkt eines Grundgedanken nicht vermissen, wel¬ 
cher weit mehr in einer bekannten neuern Definition ver¬ 
loren geht, das Falsum sey eine Veränderung oder Unter¬ 
drückung der Wahrheit, als ob es ein Urrecht auf 
Wahrheit gebe, das gewiß zu den philosophischen Träumen 
gehört. Die Wahrheit, als das Bleibende, kann gar nicht 
verändert werden, sonst käme sie nie an den Tag und ihre Ver= 
änderung könnte nicht bestraft werden. Aber um ein Recht 
auf Wahrheit anzunehmen, müßte vorher die Frage des Pi= 
latus: was ist Wahrheit? leichter zu beantworten seyn, und 
wie wollen wir kurzsichtige und unvollkommene Geschöpfe von 
einem solchen Rechte sprechen, die wir die reine Wahrheit 
so wenig als das Athmen reiner Lebensluft vertragen und 
nur in dem regen Triebe nach Wahrheit unsere Seligkeit 
suchen müssen, ohne je recht dahinter zu kommen. Ein 
abstractes Recht auf Wahrheit ist so undenkbar, als ihr 
Correlat eines Zwangsrechts auf den Glauben Anderer an 
die von uns gesagte Wahrheit. Daß die Römer sich in der 
Speculation so weit nicht verstiegen haben, beweiset der 
Umstand, daß weder falsche Behauptungen im Civilprozeß, 
noch wissentliches Abläugnen in demselben mit einer Strafe 
belegt ist, daß es dabei genügt, daß die ersten zum Be¬ 
weis verpflichten, und wenn dieser verfehlt, oder der 
8) Daran sollte man sich am wenigsten stoßen, daß der Procura¬ 
tor oder Geschäftsmann, welcher meine Schuldbriefe dem Debi¬ 
tor oder Gegner herausgiebt, als Falsarius bestraft wird. 
Denn nicht nur werde ich um meinen Beweis gebracht und 
es wird also schon dadurch das volkommene Recht auf Si¬ 
cherheit meiner Forderungen verletzt, was der eigentliche 
Schaden ist, den wir beim Falsum in das Auge fassen müs¬ 
sen, sondern in den Händen des Debitors kehrt sich die Be¬ 
weiskraft dieser Urkunden um, ohne daß er nöthig hat, sie 
zu vernichten, weil er durch ihren Besitz eine starke Vermu¬ 
thung geleisteter Zahlung oder getilgter Verbindlichkeit erlangt. 
Das Interesse bei entwendeten Urkunden setzt gut in das Licht 
L. 27. D. de furtis. 
Vorlage 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
zu Berlin
	        
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