Full text: Archiv des Criminalrechts (N.F. Jg. 1854 (1854))

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der Schwurgerichte. 
Was kann unbilliger und grausamer sein, als 
einen Menschen zu verdammen, ohne versichert zu 
sein, daß er das Gesetz, dessen Uebertretung ihm 
zur Last gelegt wird, begriffen und verstanden, 
oder begreifen und verstehen könne? Die deut¬ 
lichste Probe aber, daß ein Verbrecher das Gesetz 
verstanden habe, oder doch verstehen könne und 
solle, ist unstreitig diese, wenn 7 oder 12 ungelehrte 
Männer ihn danach verurtheilen, und durch eben dieses 
Urtheil zu erkennen geben, wie der allgemeine 
Begriff des übertretenen Gesetzes gewesen, und wie 
jeder mit bloßer gesunder Vernunft begabte Mensch 
solches ausgelegt habe. 
einzige Probe von der wahren 
Dies ist die 
Gesetzes, welche der Gelehrte 
Deutlichkeit des 
weil seine Sinne zu geschärft, zu 
nie geben kann 
gemeinen Begriffen zu sehr erhaben 
fein, über den 
sind. 
Ist dies aber richtig, so ist es recht eigentlich Auf¬ 
gabe der Geschworenen, sich darüber auszusprechen, ob 
der Angeklagte durch die erwiesenen Handlungen das 
Strafgesetz verletzt hat? Grade ihre unbefangene, laien¬ 
Sie 
hafte Auffassung des Strafgesetzes ist ihr Vorzug. 
stehen dem Strafgesetz ebenso ungebildet, ebenso wenig 
durch wissenschaftliche Studien vorbereitet gegenüber, wie 
der Angeklagte. Nulla poena sine lege, d. h. keine 
ein 
Strafe kann verhängt werden, wenn sie nicht durch 
dem Angeklagten verständliches Gesetz verhängt ist. 
Erklären aber die Geschworenen, daß das Gesetz die er¬ 
wiesenen Handlungen des Angeklagten ihrer Auffassung 
nach nicht mit Strafe bedrohe, daß er also einer Ver¬ 
letzung desselben nicht schuldig sei, so könnte man den 
Angeklagten nicht ohne Grausamkeit nach diesem Gesetze 
bestrafen. 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
zu Berlin
	        
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