Full text: Archiv des Criminalrechts (N.F. Jg. 1845 (1845))

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im Strafprozesse 
gründe angeführt werden können. Nicht weniger hängt 
bei dem Indicienbeweise soviel davon ab, ob man eine 
gewisse Verantwortung des Angeschuldigten für wahrschein¬ 
lich hält, oder welches Gewicht man auf ein Gegenindicium 
legt. Wir fragen alle Mitglieder von Gerichtshöfen, 
welche an Urtheilen in Strafsachen Theil genommen haben, 
ob nicht durch solche Rücksichten vorzüglich die Abstimmung 
üͤber den Indicienbeweis bestimmt wird. Ist eine Verstim¬ 
mung gegen den Angeschuldigten in der Seele des Richters, 
so ist auf eine unparteiische Würdigung der Indicien nicht 
zu rechnen. Der befangene Richter wird, sich selbst unbe¬ 
wußt, die Verantwortung des Angeschuldigten gern für eine 
lügenhafte halten und daraus wieder ein neues Indicium 
ableiten; er wird, wenn von dem Gegenindicium des 
Mangels an Interesse zum Verbrechen die Rede ist, erfin¬ 
derisch seyn, sich Möglichkeiten zu denken, wie dennoch ein 
Interesse angenommen werden kann und das Gegenindi¬ 
cium sich zerstören läßt. Unsere neuen Strafgesetzbücher 
bieten aber auch eine neue Seite dar, welche der Begünsti¬ 
gung der Recusation eine neue Stärke geben. Unsere 
Strafdrohungen sind sehr weit, so daß das richterliche 
Ermessen oft zwischen Gefängniß von einigen Wochen und 
Zuchthaus bis 12 Jahren, oder doch zwischen einem Jahre 
bis 10 Jahren zu wählen hat *). Bei dieser Ausmessung 
der Strafe wird die Stimmung des Richters gefährlich. 
Liegt in seiner Seele eine Verstimmung gegen den Angeschul= 
digten, so ist die höchste Gefahr da, daß der Richter 
überall im Zweifel, ohne daß er sich seiner Ungerechtigkeit 
bewußt ist, für die härtere Strafe stimmt. 
10) Beispiele lassen sich aus mehreren neuen Gesetzbüchern leicht 
finden, z. B. dem hannoverischen, wenn nach §. 193. die 
Verletzung der Ehrfurcht gegen die Religion mit Geldbuße, 
Gefängniß, Arbeitshaus oder Zuchthaus bedroht ist. 
Voa 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
zu Berlin
	        
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