Full text: Zeitschrift für die Criminal-Rechts-Pflege in den Preußischen Staaten mit Ausschluß der Rheinprovinzen (Bd. 3 = H. 5/6 (1826))

16 
aber denkbar ist nach Verstandesgesetzen, das kann wirk¬ 
lich seyn nach den Gesetzen der Natur. Nun denke man 
sich den schauderhaften Fall, daß in dem Augenblicke, wo 
des Nachrichters Schwert Pflockschens Haupt vom Rum= 
pfe trennte, Schwarze lebendig unter der Menge erschiene, 
und von allen erkannt würde. Wer möchte wohl in 
einem solchen, jetzt lächerlich scheinenden, aber doch denk¬ 
baren Falle, der Verfasser des eben vollstreckten Todes= 
urtheils seyn? Der Vertheidiger ist kein Jüngling mehr, 
und war niemals ein Schwärmer; aber nicht um eine 
Million, nicht um eine Krone, wenn eine Krone ein 
Glück ist, möchte er in einer solchen Lage sich befinden. 
Man wende nicht ein, daß bei diesem Grundsatze gar 
keine Todesstrafe mehr angewendet werden könnte, weil 
der eben gesetzte Fall stets denkbar ist, indem ja jeder 
juristische Beweis, ja überhaupt jeder Beweis einer That= 
sache trügen kann. Die Rede ist hier von einer Denk= 
barkeit nicht nach Verstandesgesetzen allein, sondern 
zugleich nach Rechtsgesetzen. Wäre der Leichnam 
durch die beiden tauglichen Zeugen eidlich recognoscirt 
worden; so wäre freilich jener außerordentliche Fall noch 
immer nach Verstandesgesetzen denkbar; denn beide Zeu= 
gen könnten sich geirrt, oder gelogen haben; aber er 
wäre es nicht nach Rechtsgesetzen: denn was sie ausge= 
sagt hatten, war rechtlich gewiß. Entstünde dennoch jene 
entsetzliche Scene; so waͤre die Staatsgewalt außer aller 
Schuld, und der Justizmord fiele auf das Haupt der 
recognoscirenden Zeugen. 
Es ist eine heilige Pflicht des Staats, deren er sich 
durch kein Gesetz entbinden kann, die Criminaljustiz nach 
allgemeinen Grundsätzen zu verwalten, welche 
diesen schauderhaften Fall möglichst undenkbar machen. 
Und 
Vorege 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
zu Berlin
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer