Paul Krüger, Mommsens Ausg. des Codex Theodosianus. 317
gemacht, das gegenseitige Verhältnis der handschriftlichen
Überlieferung klarzustellen, ist aber über rein äußerlich
gebildete Gruppen nicht hinausgekommen und war deshalb
auch außerstande zu erkennen, was als unbrauchbar aus-
zuscheiden sei. Dazu kam, daß ihm die Gabe fehlte Hand-
schriften genau zu vergleichen; seine Angaben über die
Lesung der Handschriften sind in hohem Grade unvollständig
und selbst unrichtig.
Daß wir mit dieser Ausgabe trotz ihrer Mängel über
ein halbes Jahrhundert uns behelfen konnten, verdanken wir
der ausnahmsweise reinen Überlieferung des Textes in den
von Anfang an benutzten Handschriften und der Sorgfalt,
die auf die Wiedergabe derselben seit dem 16. Jahrhundert
verwendet worden.1) Die Handschriften gehen zeitlich zum
Teil nahe an die Abfassung des Gesetzbuchs heran und
bieten einen Text, der zu einer Nachhilfe durch Konjekturen
wenig Anlaß gibt.
Ausgerüstet wie keiner ist Mommsen an die Neu-
bearbeitung des Theodosianus herangetreten. Ein schweres
Bedenken freilich stellte sich ihm entgegen, ob ihm sein
hohes Alter die Vollendung einer so umfassenden und müh-
samen Arbeit gestatten würde. Das anfängliche Schwanken
hat er bald überwunden und das Wagnis ist ihm gelungen;
seine staunenswerte Arbeitskraft und Geistesschärfe ist ihm
fast bis zum Tode erhalten geblieben und ließ ihn das letzte
großartige Werk so weit abschließen, daß es handschriftlich
ganz, im Druck fast ganz von ihm selbst hergestellt worden.
Von vielen Seiten ist ihm Hilfe gekommen; die Mittel für
die überaus kostenvolle Herstellung stellten die Berliner
Akademie und die Verlagsbuchhandlung bereit; Verglei-
chungen und Photographien von Handschriften wurden ihm
überlassen. Aber die Hauptarbeit hat Mommsen selbst mit
unermüdlicher Hingabe geleistet und in unglaublich kurzer
Zeit bewältigt.
Ein Vorläufer der Ausgabe ist der Aufsatz im 21. Bande
dieser Zeitschrift, in welchem ein kurzer Überblick über
das Handschriftenmaterial gegeben und die Quellen kiar-
*) Ygl, Mommsen in dieser Zeitschrift XXI S. 163.