Full text: Niederrheinisches Archiv für Gesetzgebung, Rechtswissenschaft und Rechtspflege (Bd. 2 (1817))

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leicht auch aus Versehen eines Verbrechens verdächtig vor 
Gericht gezogen würde, würde noch ein Bedenken tragen, 
zwischen dem heimlichen schriftlichen Prozeß und dem öffent¬ 
lichen mündlichen Untersuchungs=Verfahren zu wählen? 
Wer wird es nicht vorziehen, eine gleiche Gewissenhaftig¬ 
keit, das nämliche Talent, dieselben Kenntnisse bei den 
Richtern vorausgesetzt, mit seiner guten Sache und seinem 
Vertheidiger, dem Ankläger und den Zeugen gegenüber 
vor den Richtern in Gegenwart des Volkes zu erscheinen, 
als bei verschlossenen Thüren auf den Grund schrift= 
licher Akten und einer schriftlichen Relation heurtheilt 
zu werden. 
Der Verfasser kennt sehr viele geachtete rechtschaffene 
Männer, welche das richterliche Amt in Kriminalsachen 
sowohl nach dem schriftlichen als mündlichen Verfahren 
ausgeübt haben, und nur mit dem höchsten Unmuthe an 
die Zeit zurück denken, wo sie auf den Grund schriftlicher 
Akten über Leben und Tod haben sprechen müssen. 
Es ist wahr, daß bis jetzt noch viele Stimmen sich 
gegen das öffentliche mündliche Verfahren in Untersuchungs= 
sachen erheben, und daß das heimliche schriftliche noch 
im Besitz der meisten, mit Ausnahme der Rheinprovinzen, 
aller deutschen Gerichtshöfe ist. War es aber mit andern 
Rechts=Mißbräuchen nicht eben so? Gerade die Juristen, 
welche darin gleichsam aufgewachsen, denen sie zur Ge¬ 
wohnheit, zur zweiten Natur geworden sind, haben sie am 
längsten mit allem Scharfsinn ihrer Wissenschaft vertheidigt. 
Wer schaudert jetzt nicht ob der Greuel der Tortur? 
Noch ist kein Jahrhundert zwischen uns und der Zeit, da 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
zu Berlir 
euro
	        
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