Full text: Niederrheinisches Archiv für Gesetzgebung, Rechtswissenschaft und Rechtspflege (Bd. 2 (1817))

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und Bekenntnisse niederschreiben; indeß in den wenigsten 
Fällen geschieht dies; nicht aus bösem Willen, nicht aus 
Unwissenheit; sondern, weil es zu den seltenen Eigen¬ 
schaften des ausgezeichneten Genies gehört, mit der gänz= 
lichen Verläugnung seiner Subjektivität das Objektive 
aufzufassen, und in Schrift und Worten so wiederzugeben, 
daß der Leser oder Zuhörer es in seiner besondern Eigen= 
thümlichkeit erkenne. 
Allein auch diese schriftlichen Verhandlungen des In¬ 
quirenten gelangen leider noch nicht unmittelbar zur An= 
schauung der erkennenden Richter; sondern sie werden 
nun erst einem aus der Mitte des Kollegiums mitgetheilt, 
welcher aus demselben die Erzählung der zu beurtheilenden 
Thatsache entwirft, und diese dem Kollegio vorträgt. Jn 
wichtigen Sachen kontrollirt noch ein Koreferent und 
wohl auch der Präsident den Referenten. 
Durch ein zweifaches Mittel=Organ gelangen also erst 
die Richter zur Erkenntniß des Faktums: durch den Inqui= 
renten und den Referenten. 
Eben so wenig wie den Beklagten, hören sie unmittel= 
bar den Vertheidiger. Schriftlich muß die Vertheidigung 
eingereicht, oder zu Protokoll gegeben werden. Und auch 
diese Vertheidigung wird im Kollegio nicht vorgelesen; 
sondern der Referent theilt soviel mit, als ihm zweck= 
mäßig scheint. Man denke sich auch den gewissenhaftesten 
Referenten. Eben weil er seine Ansicht für die wahre 
hält, will er auch die Andern überzeugen. Wie sich das 
Bild des Sachverhältnisses in ihm gestaltet hat, so kann 
er es nur mittheilen. Hält er den Verbrecher für schal= 
dig, so wird er zwar redlich auch alle zu seiner Entschul= 
Vorlage 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
zu Berlin
	        
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