Full text: Neues Archiv des Criminalrechts (Bd. 8 (1826))

über die Strafe des Kindesmords. 639 
Gemüthsstörungen schließen. Die Erfahrung lehrt 
es, daß es gerade die präcipitirten und leichten Ent= 
bindungen sind, welche in ihren Folgen auf das Ge¬ 
müth der Gebährerin auf eine nachtheilige Weise 
einwirken, und der Act des Gebährens hat stets eine 
solche Rückwirkung auf das Nervensystem und das 
Gehirn zur Folge, daß sich unmöglich klar beurthei¬ 
len läßt, was während des Gebährens oder gleich 
nachher, in dem Gemüthe der Gebährerin vorgeht. 
Gesetzt nun den Fall, die Mutter habe schon vor der 
Entbindung den Mord ihres Kindes beabsichtigt; 
wer wird im Stande seyn, apodictisch behaupten zu 
können, das getödtete Kind sey, zu Folge dieses Ent= 
schlusses, nun auch mit vollkommener Willensfreiheit 
der Mutter getödtet? wer wird es wagen, eine 
solche Willensfreiheit der Mutter allein aus dem 
Umstande zu folgern, daß dieselbe leicht entbunden 
worden ist? Jedes Gutachten eines Arztes über 
diese Frage wird stets kärglich sey müssen; der 
vorlaute, seinen vorgefaßten Meinungen leicht fol¬ 
gende Arzt wird einen Ausspruch thun, den der 
umsichtigere und erfahrenere Arzt bestreitet; dagegen 
wird der Richter stets in Verlegenheit seyn, die An¬ 
sicht des einen oder des andern zu befolgen, und 
solchergestalt entweder das Gesetz umgehen, oder es 
ohne Schonung anwenden müssen. Auf jeden Fall 
scheint es daher höchst bedenklich, die Todesstrafe an 
ein Moment anzuknüpfen, welches nie klar ge¬ 
würdigt, nie mit apodictischer Gewi߬ 
heit hergestellt werden kann. 
Eben so bedenklich ist die dritte Voraussetzung, 
daß das getödtete Kind lebend geboren sey; wenig= 
Tt 2 
Vorage 
Staatsbibliothek 
Max-Planck-Institut für 
zu Berlin
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.

powered by Goobi viewer