Full text: Zeitschrift für österreichische Rechtsgelehrsamkeit und politische Gesetzkunde (Jg. 1832, Bd. 2 (1832))

Hauptblatt. 
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Beweisführung auf, und fügt für den Fall des Nichtbeweisens 
die Sanction hinzu, daß das angeführte Factum, so weit es 
von dem Gegentheile widersprochen wurde, für wahr nicht 
zu halten sey 2). Hiedurch hat die Gerichtsordnung die oben 
aufgestellte erste Frage beantwortet. 
Es darf nicht übersehen werden, daß der Richter bloß an= 
gewiesen ist, das angeführte, unbewiesene, und von dem Ge= 
gentheile widersprochene Factum nicht für wahr zu halten, 
nicht aber, es für unwahr anzusehen. Zwischen dem »nicht 
für wahr haltens und dem pfür unwahr haltena ist ein wesent= 
licher Unterschied, sowohl in Rücksicht der Motive, als auch 
in Rücksicht der Folgen. Um ein Factum nicht für wahr 
zu halten, ist es hinreichend, daß keine für seine Wahrheit spre¬ 
chenden Gründe vorhanden sind, obgleich immerhin für das 
Gegentheil auch keine Gründe vorliegen mögen; um es aber 
für unwahr anzusehen, ist das Nichtvorhandenseyn von 
Gründen, die für seine Wahrheit sprechen, nicht genug, son¬ 
dern es müssen positive Gründe seiner Unwahrheit bestehen. 
Dieß über den Unterschied in Rücksicht der Motive des MNicht= 
fürwahrhaltensa und des „Fürwahrhaltens.  — Was die Fol¬ 
gen betrifft, so zieht das Nichtfürwahrhalten des an¬ 
geführten Factums noch nicht die Wirkung nach sich, daß nun 
das Widerspiel hievon für wahr angesehen werden müsse, weil 
nichts Thatsächliches ohne einen von dem Gesetze gebilligten 
Wahrheitsgrund im Processe für wahr gehalten werden kann, 
sondern die Folge hievon ist bloß, daß das Widerspiel von dem 
nicht für wahr gehaltenen Factum nicht für unwahr 
anzusehen ist; die Wirkung des Fürunwahrhaltens eines 
Factums aber ist, daß sein reines Widerspiel für wahr an= 
genommen werden muß. 
So fordern es die Denkgesetze. Wenn nähmlich einem 
Satze das Prädicat des Nichtfürwahrhaltens zukommt, 
so ist seinem reinen Gegensatze das Prädicat des Nichtfür= 
2) X. G. O., §. 104; galiz., §. 170. 
Max-Planck-Institut für
	        
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