Full text: Zeitschrift für österreichische Rechtsgelehrsamkeit und politische Gesetzkunde (Jg. 1832, Bd. 2 (1832))

Hauptblatt. 
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gen entscheidet. Man hätte also in solchen Zweifeln wieder kei¬ 
nen Faden, um aus dem Labyrinthe zu kommen. Und gerade 
ein solcher Fall träte bey unserer Frage ein. Denn zur Zurech¬ 
nung eines Verbrechens ist das Alter von 14 Jahren erforder¬ 
lich, zur Zurechnung einer schweren Polizey-Uebertretung hin¬ 
gegen genügt zuweilen auch ein Alter von zehn Jahren (St. G. 
B. I. Th., §. 2; II. Th., §. 4, und Hauptst. IV). 
Da uns nun das positive Gesetz hier völlig zu verlassen 
scheint, so gewinnt es das Ansehen, daß in unserem Falle die 
Bestimmung der Zurechnungsfähigkeit ganz in das freye Er¬ 
messen des Richters gestellt sey, der demnach in der Beurthei¬ 
lung sich bloß an die natürlichen Rechtsgrundsätze zu halten, 
und daher für jeden einzelnen Fall zu untersuchen hätte, ob 
nicht in Folge des geringen Alters des Uebertreters seine gei¬ 
stigen Kräfte noch so wenig entwickelt seyen, daß ihm nicht 
einmahl ein Versehen zugerechnet werden kann. Denn hoffent¬ 
lich wird wohl Niemand die Behauptung wagen, daß hier auf 
das Alter des Uebertreters gar nichts ankomme. Wem so et¬ 
was zu behaupten einfiele, der müßte auch zugeben, daß ein 
Kind von zwey oder drey Jahren wegen Ueberschreitung des 
Cordons zu fünfjährigem schweren Kerker zu verurtheilen wäre! 
Die Sache so weit treiben, hieße die dem Gesetzgeber schuldige 
Achtung völlig aus dem Auge verlieren; ein Gesetz, aus dem 
sich eine solche Folgerung ergäbe, wäre jener Zeiten würdig, 
wo man auch Thiere, die kleine Kinder auffrassen, förmlich in 
peinliche Untersuchung nahm, verurtheilte und mit allem Pomp 
zur Richtstätte führte! Fordert doch der Gesetzgeber zur Straf¬ 
barkeit wegen eines Pestvergehens wenigstens ein Versehen, 
also überhaupt Imputabilität. So wenig man daher einen Ra- 
senden, der über den Cordon daher gelaufen kommt, deßwegen 
strafen kann, eben so wenig läßt sich dieses von einem kleinen 
Kinde behaupten, da in beyden Fällen die selbst nach dem 
Worte des Gesetzes nothwendige Zurechnungsfähigkeit fehlt. 
Allein auch die Ansicht, daß hier bloß die natürlichen 
Rechtsgrundsätze zu berücksichtigen seyen, unterliegt nicht un¬ 
Max-Planck-Institut für
	        
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