Full text: Österreichische Zeitschrift für Rechts- und Staatswissenschaft (Jg. 1847, Bd. 1 (1847))

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XIX. 
Ein Beitrag zu den relativen Strafrechtstheorien. 
Vom Herrn Moriz Schindler, 
Actuar des Criminalgerichtes in Mailand. 
Es wird anmaßend erscheinen, daß ich mich in meinem ersten schrift¬ 
stellerischen Versuche auf ein Feld wage, auf dem die Zierden deutscher 
Philosophie und Rechtsgelehrtheit gekämpft haben und noch fortwährend 
kämpfen. Aber eben, wo selbst jene Großen strauchelten, mag ein An= 
fänger unbemerkt und ohne Schande fallen. Auch will ich nicht als Er¬ 
finder einer neuen Strafrechtstheorie auftreten. Mein Ziel ist nur einige 
nach meiner Ansicht nicht genug ausgebeutete Thatsachen und Folgerun¬ 
gen an's Licht zu ziehen, und ich würde dieses Ziel für vollkommen er= 
reicht ansehen, wenn auch nur Eine derselben eine gute Waffe in den 
Händen eines besseren Kämpen wird. 
Man erwarte daher in diesen Blättern keine nochmalige ausführ¬ 
liche Widerlegung der bisherigen — mit Recht oder Unrecht — schon 
so oft widerlegten Theorien. Nur Einiges muß ich darüber erwähnen. 
Nach den sogenannten absoluten Theorien soll die Strafe nichts 
als Vergeltung bezwecken. Hegel will, ohne es zu sagen, daß der 
Mensch die Rolle der göttlichen Vorsehung auf Erden übernehme, daß 
er das Böse strafe, weil es böse ist. Es ist dieselbe Rolle, die Eugen 
Sue und Alexander Dumas ihren Romanhelden in den mistères 
und Monte-Cristo zugetheilt, nur daß diese es selbst bekennen und sich 
damit prahlen. 
Es ist wahr, daß Recht und Unrecht sich gegenseitig aufheben; es 
ist wahr, daß das Unrecht aufgehoben werden soll: aber es ist nicht 
wahr, daß deswegen die Strafe ein Postulat, eine nothwendige Folge, 
ein Begriffsbestandtheil des Rechts und daher Selbstzweck sei. Sie ist 
immer nur ein Mittel, oder jedes Mittel, weil zum Zwecke führend, 
ist Selbstzweck. 
Max-Planck-Institut für
	        
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