Volltext: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Aeußerer Sinn. 
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diesen Wirkungen der Natur entsprechenden Sinne nennen wir Geruch und Ge¬ 
schmack. Die durch Verbindungen und Trennungen entstandenen, nach den Gesetzen 
der Anziehung und Abstoßung wirkenden Körper sind an sich schon in beständiger 
Bewegung und sie selbst bewegen die Luft, in welcher auch diese Bewegungen von 
Statten gehen. Die Vibrationen der bewegten Luft und der sich dadurch manife¬ 
stirenden Körper bewirken insbesondere auf einem niedrigen Grade der Intension und 
Schnelligkeit die Empfindungen des Schalles, auf einem höhern die des Lich¬ 
tes: der Schall wird durch das Gehör, das Licht wird durch das Gesicht 
wahrgenommen. Mit der Lichtbildung und dem das Licht repräsentirenden Auge, 
worin die Natur sich selbst abspiegelt und sich im gleichem Bilde von sich selbst 
erscheint, hat aber auch die Natur ihren Höhepunkt gefunden und es geht hie¬ 
mit ihre Subjectivität zu Ende. Hienach stehen die fünf Sinne des Menschen zu 
der durch sie vorgestellten Außenwelt in dem Verhältnisse, daß die Außenwelt 
objectiv dasselbe ist, was das Sinnengebiet subjectiv ist, und umgekehrt. Doch 
muß sich die Verschiedenheit der Sinne nicht etwa bloß äußerlich erkennen, 
sondern auch aus der Natur des Sinnes selbst ableiten lassen. Da 
nämlich Alles, was wir durch den äußern Sinn wahrnehmen, lediglich 
Bewegung, die Bewegung aber nicht immer eine und dieselbe ist, sondern 
es der Bewegungen mehrere Arten gibt, so läßt sich schon im Voraus mit ziem¬ 
licher Gewißheit absehen, daß die verschiedenen Sinne den verschiedenen Ar¬ 
ten der Bewegung entsprechen, d. h. daß es so viele besondere Modificatio¬ 
nen des Sinnes geben müsse, als es besondere Modificationen der Bewegung 
gibt *). Verstehen wir nun unter Bewegung die zeitliche Veränderung der 
örtlichen Verhältnisse eines Dinges, so sind die beiden Momente, welche die 
Bewegung constituiren, das Nebeneinander und das Nacheinander, d. i. Ort und 
Zeit, deren nähere Bestimmungen für den Ort Entfernung und Nähe, für 
die Zeit Dauer und Wechsel sind. Soll nun das äußere sinnliche Anschauungs¬ 
vermögen der ihm zu Grunde liegenden Bewegung vollständig entsprechen, so 
wird es 1) einen allgemeinen Sinn für die Bewegung geben müssen, welcher 
gleichsam für alle Arten der Bewegung empfänglich ist und in welchem die be¬ 
sondern Arten der Bewegung noch nicht strenge abgesondert und sich gegenseitig 
ausschließend erscheinen; dann wird aber auch 2) dieser allgemeine Sinn der 
Empfindung sich in vier verschiedene, sich gegenseitig ausschließende Sinne spal¬ 
ten müssen, und es müssen diese speciellen Sinne sowohl Sinne der Ferne als 
Sinne der Nähe, sowohl Sinne der Dauer als Sinne des Wechsels sein, so zwar, 
daß es sowohl für die Ferne als für die Nähe einen Sinn der Dauer und einen Sinn des 
Wechsels gibt. Derjenige Sinn, welcher die Grundlage aller Sinnesthätigkeit bil¬ 
*) George a. a. O. S. 30.
	        
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