Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Der Sinn. 
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den innern Wahrnehmungen ein Gefühl verbindet, so ist dieser Gefühlszustand 
von der innern Wahrnehmung als einem Erkenntnißzustande dennoch wesentlich 
verschieden. Das eigentliche Versehen kam daher, daß man sich die Objecte des 
innern Sinnes gerade so oder doch auf ganz ähnliche Weise, wie die Objecte 
des äußern Sinnes, denken zu müssen glaubte. Die Wirksamkeit des äußern Sin¬ 
nes nämlich ist immer an bestimmte Organe gebunden und solche finden wir 
bei dem innern Sinne bekanntlich nicht vor; ebenfalls zeigt uns der äußere 
Sinn immer ein vorgefundenes, fertiges, ohne uns gegebenes, in einem bestimm¬ 
ten Raumtheile befindliches Object, wogegen das innere Object diese Beschaf¬ 
fenheiten, wodurch die Anschauung so sehr begünstigt wird, offenbar nicht 
hat; endlich ist es bei dem äußern Sinne leichter, den Inbegriff seiner Gegen¬ 
stände auf bestimmte Begriffe und Classen zurückzuführen, als dieses bei den 
Objecten des innern Sinnes der Fall ist. Wirklich hat Herbart (in der zuerst 
genannten Schrift) die Realität des innern Sinnes aus dem dreifachen Grunde 
geleugnet: weil kein bemerkbares Organ des Leibes auf den innern Sinn hin¬ 
deute; weil man die Klassen von Vorstellungen, die er überliefere, nicht bestimmt 
aufzuzählen, noch die Gesetze zur Erklärung der Unregelmäßigkeit seines Wirkens 
anzugeben wisse; endlich weil wir eine wissenschaftliche empirische Psychologie 
wirklich besitzen müßten, wenn in der That ein gesetzmäßig wirkendes Vermögen 
des innern Sinnes vorhanden wäre. Die kurze Antwort ist folgende: daß von 
Organen des innern Sinnes vernünftiger Weise nicht die Rede sein kann, wo¬ 
gegen der äußere Sinn eben darum, weil er im Organismus wurzelt, aller¬ 
dings seine Organe hat, haben muß und selbst Organ ist; daß die Klassen 
der Vorstellungen des innern Sinnes sich wohl bestimmt aufzählen lassen, und 
daß in seiner Wirksamkeit nichts weniger, als Unregelmäßigkeit herrscht; daß wir 
endlich schon längst eine wissenschaftliche Kenntniß der menschlichen Seele gehabt 
haben würden, wenn man von dem innern Sinne immer einen richtigen Gebrauch 
gemacht hätte. Weit treffender ist die Einwendung, welche Schulze nach dem 
Vorgange früherer Psychologen gegen die Realität des innern Sinnes erhebt, und 
welche dem Wesentlichen nach in der Behauptung besteht, es liege in der An¬ 
nahme innerer Objecte und folglich auch des innern Sinnes ein Widerspruch. 
Innere Objecte nämlich, so sagte man, könnten doch nichts Anderes sein, als 
gewisse Thätigkeiten der Seele, welche, nachdem sie vollbracht sind, uns zur 
Anschauung und Wahrnehmung vorgehalten würden; nun gebe es aber keine 
Thätigkeiten in uns, ohne ein Wissen um dieselben, indem ja die Behauptung 
ihres Daseins ein Wissen derselben voraussetze; die innern Objecte müßten also 
schon innere Objecte sein, bevor sie noch innere Objecte wären. Wir ant¬ 
worten hierauf: daß allerdings im Zustande gänzlicher Bewußtlosig¬ 
keit wohl niemals ein inneres Object zu Stande kommt, daß aber das in¬
	        
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