Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

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Erklärung des Sinnes. § 7. 
belebenden Elemente, welchem die Materie sich hingibt. Entweder ist das eine 
oder das andere der beiden Elemente für sich herrschend und das andere bewäl¬ 
tigend, das andere aber ruhend und bewältigt. Hienach zerfällt die Natur in 
zwei große Reiche, in das Reich der unorganischen und in das Reich der 
organischen Natur: dort ist die Lebenskraft von der Materie gänzlich ver¬ 
schlungen und tritt äußerlich nicht mehr hervor; hier aber ist die Materie 
überwunden und die Lebenskraft nach Außen thätig geworden. In der unorga¬ 
nischen Natur bestehen die Theile bloß neben einander ohne Unterordnung und 
Gliederung zu einer innern Einheit; dagegen besteht im Reich der organischen 
Natur eine Unterscheidung und Unterordnung der Theile, eine Gliederung dersel¬ 
ben zur Einheit. Hier wirken die Kräfte in einander, und die Theile sondern als 
Werkzeuge des Ganzen vom Ganzen sich ab. Jedes Glied hat hier seine beson¬ 
dern Functionen, alle Theile bestehen für sich und für ein höheres Centrum 
zugleich. In der unorganischen Natur ist die Gleichheit der Theile entweder eine 
allgemeine, gar keine Gestaltung im Besondern zulassende, oder es sondern sich 
aus dem Stoffe bestimmte, im Besondern hervortretende Gestaltungen ab. Dort 
haben wir das Elementarreich, hier das Mineralreich. Ist das Leben der 
Natur bis zur Bildung bestimmter und besonderer Gestaltungen hervorgetreten, 
o sind wieder zwei Fälle möglich. Entweder ist das belebende Element bloß bil¬ 
dend und belebend, so daß es zwar allerdings nach Außen wirksam ist und die 
Theile sich als Glieder einander unterordnen, während das belebende Element 
von dem zu belebenden Stoffe so absorbirt wird, daß keine Empfindung der wir¬ 
kenden, bildenden und belebenden Lebenskraft vorhanden ist: hier entsteht das 
Pflanzenreich. Oder das belebende Element bildet die Materie zum Organ 
seiner innern Thätigkeit und behält über der bildenden Kraft noch einen Ueber¬ 
chuß für sich bestehender, in sich geeinigter Lebensthätigkeit, so daß die Kraft 
nicht bloß bildend und belebend wirkt, sondern dieses Leben auch als ein eigenes 
in sich findet (empfindet, d. i. innenfindet): hier entsteht das höchste Reich des 
bloßen Naturlebens, d. i. das Thierreich *). Mit der materiellen Wechselwir¬ 
kung, der Aufnahme und Abgabe von Stoffen hören die der Pflanzenwelt eige¬ 
nen Functionen auf, wogegen die animalischen Functionen darin bestehen, daß 
das thierische Subject es vermag, entweder die empfangenen sinnlichen Eindrücke 
zu Vorstellungen und Wahrnehmungen zu bearbeiten, oder auch das relative 
Verhältniß des Organismus zur Außenwelt, oder diese selbst zu verändern, d. i. 
sich zu bewegen. In der Wahrnehmung und der Bewegung besteht also 
der eigentliche Unterschied des Thieres von der Pflanze. Weil das Thier durch 
den Ueberschuß der von seinem Organismus nicht absorbirten Lebenskraft fähig 
*) Deutinger, Grundlinien einer positiven Philosophie. Thl. II. § 29—31. 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
	        
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