Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

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Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
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1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Der Sinn. 
schauungen haben das mit einander gemein, daß das Object, welches wir an¬ 
schauen, entweder in dem Raume, oder in der Zeit, oder in beiden zugleich befind¬ 
lich ist. Entweder wird nun das angeschaute Object als solches im Raume, oder 
in der Zeit vorgefunden, und es heißt die Anschauung dann eine empirische; 
oder es wird das angeschaute Object in dem Raume oder in der Zeit nicht vor¬ 
gefunden, sondern durch Denken im Raume oder in der Zeit construirt, und es heißt 
dann die Anschauung reine Anschauung. Mit Anschauungen der ersten Art hat 
es die Naturwissenschaft, mit Anschauungen der zweiten Art die Mathema¬ 
tik zu thun. Hier nehmen wir das Wort Anschauung im weitesten Sinne und 
verstehen darunter die Vorstellung eines uns vorliegenden oder vorschwebenden 
sinnenfälligen Objectes, d. i. einer Erscheinung. Sinnenfällige Gegenstände begeg¬ 
nen uns aber entweder in unmittelbaren, oder in mittelbaren sinnlichen 
Vorstellungen. Im ersten Falle haben wir den Gegenstand selbst vor uns, und es 
liegt zwischen dem Gegenstande und der Vorstellung desselben keine andere Vor¬ 
stellung mehr in der Mitte; im zweiten Falle haben wir nicht den Gegenstand 
elbst, sondern nur ein Bild desselben vor uns, und es liegt zwischen dem Gegen¬ 
stande und der Vorstellung desselben noch eine andere (eine frühere) Vorstellung 
in der Mitte. Im ersten Falle heißt das Anschauungs=Vermögen das sinnliche 
Anschauungs=Vermögen, kürzer der Sinn; im zweiten Falle heißt es Ein¬ 
bildungskraft. Wird die Einbildungskraft zuweilen unter den Sinn mit ein¬ 
begriffen: so ist dieses damit zu entschuldigen, daß alle Einbildungsvorstellungen 
ursprünglich durch Sinnenvorstellungen vermittelt sind. Die erste Abtheilung, d. i. 
die Lehre von dem Anschauungs=Vermögen, zerfällt also in zwei Abschnitte, näm¬ 
lich in die Lehre von dem sinnlichen Anschauungs=Vermögen und in die 
Lehre von der Einbildungskraft. 
Erster Abschnitt. 
sinnliche Anschauungs=Vermögen oder der Sinn. 
Das 
1. Erklärung des Sinnes. 
§ 7. 
An den in der Außenwelt gegebenen Substanzen unterscheiden wir, wenn¬ 
gleich nur relativ, Stoff und Form d. i. eine passive Grundlage, die man 
gewöhnlich Materie nennt, und eine die Materie durchdringende, sie belebende 
Kraft. Die Stufenreihe des natürlichen Lebens gestaltet sich nothwendig verschie¬ 
den nach dem verschiedenen Grade der Durchdrungenheit der Materie von dem
	        
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