Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

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Die Unentschiedenheit. § 78. 
sich dieses theoretisch oder practisch unangenehmen Zustandes auf eine des vernünfti¬ 
gen Menschen würdige Weise zu entäußern, ist das Nachdenken und Ueber¬ 
legen und es besteht dieses hier darin, daß Gründe gesucht und erwogen werden, 
um dadurch die Erkenntniß der Wahrheit oder der Falschheit des noch problematischen 
Urtheils zu vermitteln. Hierdurch geschieht, es nun sehr leicht, daß sich sowohl 
Gründe für die Wahrheit als auch Gründe für die Falschheit des Urtheils einstellen, 
daß somit die Urtheilskraft in Beziehung auf vorgestellte Gründe in Unentschie¬ 
denheit geräth, d. h. nicht weiß, ob sie sich für die Wahrheit oder ob sie sich 
ür die Falschheit des fraglichen Urtheils entscheiden soll. Dieser Zustand der 
Seele wird auch mit einem andern Worte Zweifel genannt. Zweifeln nam¬ 
lich heißt sprachlich mit seiner Urtheilskraft in zwei Fällen sein, und die Ur¬ 
theilskraft befindet sich allemal da in zwei Fällen, wo 1) eine Unentschiedenheit 
darüber obwaltet, welche von zweien contradictorisch entgegengesetzten Bestim¬ 
mungen dem Gegenstande zukomme; wo 2) die Aufhebung dieser Unentschie¬ 
denheit, also Entschiedenheit, gewünscht oder gesucht wird; wo endlich 3) Gründe 
und Gegengründe aufgesucht und erwogen werden, um diese Unentschiedenheit 
gegen Entschiedenheit zu vertauschen. Die Erfordernisse des Zweifels ergeben sich 
aus dem Gesagten von selbst. Bei allem Zweifel besteht das ideale Denken oder 
Erkennen im Subjecte noch fort, aber die Entschiedenheit über die entsprechende 
objective Wirklichkeit des Gedachten oder Erkannten ist in der Reflexion aufge¬ 
hoben. Der Zweifel entsteht allemal dann, wenn 1) eine Reflexion über die Er¬ 
kenntniß erfolgt, und wenn dann 2) diese Erkenntniß in der Reflexion weder 
als eine nothwendige, noch auch als eine bloß eingebildete befunden wird. Daß 
der Zweifel sich beziehen könne sowohl auf die Wahrheit als auf die Falschheit 
eines Urtheils oder richtiger, daß er sich darauf beziehen könne, ob dem fragli¬ 
chen Subjecte das fragliche Prädicat zugelegt, oder ob es ihm abgesprochen 
werden könne, ist von selbst klar. Der Zweifel ist nicht zu verwechseln mit un¬ 
willkürlich aufsteigenden Einbildungsvorstellungen gegen die Wirklichkeit eines 
Gegenstandes, auch ist er nicht zu verwechseln mit dem Unvermögen den betref¬ 
fenden Gegenstand genau zu zergliedern, sein Wie, Woher, Warum und Wodurch 
genau anzugeben, oder uns ein anschauliches Bild von dem Gegenstande machen 
zu können, oder die Vorstellung desselben mit unsern sonstigen Vorstellungen in 
die gewünschte Verbindung zu bringen: sondern der Zweifel ist ein freier Gei¬ 
stesact, insofern wenigstens, als der Geist Gründe sucht und anerkennt, welche 
gegen die Wirklichkeit eines vorgeblichen Etwas streiten sollen. Zweifel müssen 
also Gründe und zwar bestimmende Gründe, wirkliche oder scheinbare, sein, und 
solche Zweifel, die uns nicht zweifeln machen, sind bloße Worte, mit welchen 
derjenige sich beschäftigen mag, welcher nicht weiß, was Zweifeln ist oder der Lust 
daran hat, Andern mit Worten entgegenzutreten, bei denen er selbst nichts denkt. 
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Max-Planck-Institut für Bildungsforschun
	        
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