Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

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Die Sprache. § 74. 
Somit ist die Sprache angewandtes Denken, äußerliche Ausprägung der 
Logik und dieses ist der formelle Inhalt der Sprache: den materiellen 
Inhalt derselben bilden zunächst die Urelemente, aus denen die Sprache besteht. 
Die Urelemente der Sprache sind im Allgemeinen Töne oder Laute, die der Mensch 
vermittelst seiner Sprachwerkzeuge, nämlich der Kehle, der Zunge, der Lippen, 
der Nase und selbst der Zähne zu articuliren, d. i. zu gliedern sucht. Hierher 
gehören 1) diejenigen Töne, durch welche ein Gegenstand des äußeren Sin¬ 
nes sein Dasein, seine Kraft und seine Wirksamkeit ankündigt, wie das z. B. 
beim Rauschen des Wassers, beim Krachen des Donners, beim Blöcken des 
Schafes, beim Wiehern des Pferdes der Fall ist. Der Ton wurde von der Ein¬ 
bildungskraft festgehalten und zur Bezeichnung des tönenden Gegenstandes be¬ 
nutzt. Hieher gehören 2) diejenigen Töne, durch welche ein Gegenstand des in¬ 
neren Sinnes, insbesondere ein lebhaftes angenehmes oder unangenehmes Ge¬ 
fühl sich kund gibt und instinctartig einen Ton, wie die bekannten Interjectionen der 
Affecte, erzeugt. Dieses ist z. B. der Fall bei dem Ausrufe Ach! als des natür¬ 
lichen Ausrufes des Schmerzes, woraus das Wort Aechzen entstand= Aus dieser 
doppelten Quelle floß schon der Sprache ein nicht unbedeutendes Material zu, 
doch bedurfte es noch mancher Anstrengung, um auch Worte für unhörbare oder 
sogar für übersinnliche Gegenstände und deren allseitige Verhältnisse zu gewin¬ 
nen. Die Articulation oder die bestimmte Bildung des Lautes mittelst der ab¬ 
theilenden und so gleichsam gliedernden Organe kam erst später hinzu, noch spä¬ 
ter die eigentliche Rede, und das euphonische und rhythmische Element ganz 
zuletzt. So kommt durch steigende Vergeistigung der vermittelst sinnlicher Vor¬ 
stellungen entstehenden Sprachbezeichnungen eine Sprache in zweiter und endlich 
sogar in dritter Potenz zu Stande: aber alle Sprache ist ursprünglich sinn¬ 
licher Abkunft und demnächst Uebertragung des Sinnlichen auf das Ueber¬ 
sinnliche, also das, was wir Tropus nennen, freilich potenzirt und geistig vergr¬ 
beitet. Die Vollkommenheit der Sprache richtet sich darnach: a) ob sie für alle 
Gegenstände und Beziehungen die erforderlichen Zeichen hat; b) ob sie diese 
Gegenstände wirklich und zwar klar, deutlich und vollständig; c) ob sie diese 
Gegenstände auf die leichteste Weise und auf dem kürzesten Wege bezeich¬ 
net. Die Sprache ist entweder natürlichen, oder sie ist übernatürlichen 
Ursprungs: am richtigsten wird sie betrachtet als eine Naturgabe, welche durch 
das gesellige Leben entwickelt und, wie andere natürliche Verrichtungen, durch 
Uebung vervollkommnet wird: doch lehrt die Erfahrung, daß der Mensch 
in Gemeinschaft von lauter geistig unentwickelten Menschen eben so wenig, als 
in Gemeinschaft von Thieren, zur Sprache zu gelangen vermag *). Daß es eine 
*) So hatte einst ein Mongolischer Fürst, Namens Akbar, den Befehl gegeben, dreißig 
noch nicht sprechende Knaben so zu verschließen, daß sie mit Niemanden reden konnten, um 
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Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
	        
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