Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Denkvermögen. 
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habe: im ersten Falle denken wir das Object selbst, im zweiten Falle den¬ 
ken wir ein anderes, von dem ersten durchaus verschiedenes neues 
Object, bis wir endlich auf ein Object kommen, welches zur Begründung 
seines Seins nicht ein anderes Object für sich voraussetzt, sondern in welchem 
das Sein und der Grund einheitlich zusammenfallen, und womit al¬ 
les Begründen oder Begreifen seinen endlichen Abschluß erreicht. Eben so gewiß 
ist auch, daß die Begriffe der Vernunft, so wie die Begriffe des reinen Ver¬ 
standes, nicht aus der sinnlichen Wahrnehmung stammen, sondern apriorischen 
Ursprunges sind, wie das aus ihrer vorgelegten Entstehung von selbst offen¬ 
bar ist: es sind aber auch die Vernunftbegriffe noch in einem höhern Grade 
a priori, als die Begriffe des reinen Verstandes, indem diese doch an dem Wahr¬ 
genommenen oder dem durch die Wahrnehmung Bezeichneten ihr Object haben, 
wogegen die Vernunft ein von dem Wahrgenommenen ganz verschiedenes 
neues Object denkt, unbekümmert, ob es wahrgenommen werde oder auch nur 
wahrgenommen werden könne. Dieses gleichsam schöpferische Denken der Vernunft 
ist aber nicht schöpferisch in dem Sinne, als würden dadurch die Objecte der 
Vernunft geschaffen, sondern sie werden durch dieses Denken bloß gefun¬ 
den; ohne das Denken der Vernunft wüßten wir von den übersinnlichen Objec¬ 
ten nichts. So wie die Vernunft jedem von dem Verstande gedachten Sein einen 
Grund hinzudenkt, so denkt auch der Verstand, nachdem über ihm das Licht 
der Vernunft einmal aufgegangen ist, jeden von der Vernunft geforderten Grund 
als seiend. Indeß würde das Denken des Verstandes ohne das Denken der 
Vernunft sich selbst ein unauflösliches Räthsel sein, d. h. der Verstand wüßte 
ohne die Vernunft weder, was er wäre, noch woher er käme oder mit andern 
Worten: die Begriffe des reinen Verstandes sind nichts als Ideen 
der Vernunft, d. h. sie sind dieselben Begriffe, die der Geist in seinem ver¬ 
nünftigen Selbstbewußtsein da gewinnt, wo er den Ichgedanken bildet, die sich 
aber, nachdem sie in der innern Werkstätte des Geistes einmal gebildet sind, auch 
dem Verstande mittheilen, die dieser nun auf das Sinnliche anwendet und die 
er demgemäß auch vorzugsweise nach Anleitung der sinnlichen Anschauung und 
ihres Stoffes bearbeitet. Dennoch verläugnen selbst die Vernunftbegriffe ihrer ange¬ 
stammten apriorischen Reinheit ungeachtet keinesweges eine aposteriorische Färbung 
Weil wir nämlich das von der Vernunft in ihren reinen Begriffen Angedeutete nicht 
selbst wahrnehmen, d. i. sinnlich uns vorstellen können, indem dazu gehören würde, 
daß das Uebersinnliche selbst Gegenstand der Wahrnehmung wäre, so 
redet die Vernunft auch niemals anders zu uns, und sie kann niemals anders zu 
uns reden, als in Bildern oder Gleichnissen, indem sie auf die Verstan¬ 
desbegriffe, d. i. auf wahrnehmungsmäßige Vorstellungen hindeutet, 
nach welchen wir das von ihr Angedeutete, ohne welches wir das Wahrgenom
	        
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