Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Vernunst. Rückblick auf das Vernunftdenken. § 69. 
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in dem vernünftigen Bewußtsein auch die Ueberzeugung von der Wirklich¬ 
keit eines unbedingten Seins (des Absoluten) vorhanden, wobei besteht, daß der 
Verstand und die Phantasie, sofern sie sich der Leitung der Vernunft entziehen, 
diese Grundüberzeugung wohl schwächen und verdunkeln, aber niemals gänz¬ 
lich unterdrücken und ausrotten können. Nur aus einem absoluten Wesen 
ind wir uns selbst und ist uns die Natur begreiflich. Muß aber die Vernunft 
die beschränkten und bedingten Kräfte des menschlichen Geistes, d. i. die Intel¬ 
ligenz und die Freiheit schon hochachten und werthschätzen, so muß sie um so 
mehr diejenige Kraft hochachten und werthschätzen, welcher der menschliche Geist 
owohl, als die gesammte Natur ihr Dasein verdankt: hier haben wir die Quelle 
der religiösen Gefühle und Bestrebungen, insbesondere der Ehrfurcht, des Dan¬ 
kes und der Liebe, die sich von selbst des Herzens des Menschen dann bemei¬ 
stern, wenn die Vernunft Gott, das absolute Wesen, in allen Beziehungen näher 
erwogen und Gott als ein Wesen von unbegreiflicher oder sogar von unendli¬ 
cher Erkenntniß, Macht, Heiligkeit und Güte erkannt und anerkannt hat. Das 
Weitere hierüber gehört in die Metaphysik. 
Rückblick auf die gefundenen Vernunftbegriffe. 
§ 69. 
Somit gibt es denn allerdings in dem intelligenten Menschengeiste außer 
dem Verstande noch ein anderes Denkvermögen und zwar ein solches, wodurch 
der Geist die bloß sinnliche Welt des Verstandes verläßt und in eine bloß 
intelligible, dem Sinne und dem Verstande unbekannte und unzugängliche 
Welt versetzt wird. Die Vernunft ist es welche den Menschen in diese über¬ 
sinnliche Welt versetzt, was zuerst dadurch geschieht, daß die Vernunft für al¬ 
les Sein, zunächst für das in der Sinnenwelt gegebene Sein, einen zureichenden 
Grund fordert, daß sie aber den vollendeten zureichenden Grund des in der Welt 
gegebenen Seins in der Welt selbst nicht finden kann und somit genöthigt ist. 
zum Begreifen der Möglichkeit des in dieser Welt gegebenen Seins den vollen¬ 
deten zureichenden Grund dieses Seins jenseits dieser Welt zu suchen. So wie 
nun der Verstand das Vermögen des Verstehens, so ist die Vernunft 
das Vermögen des Begreifens: der Verstand bildet seine Begriffe mit 
Nothwendigkeit, um den Inhalt der sinnlichen Wahrnehmung denken und 
zwar verstehen zu können; die Vernunft bildet ihre Begriffe mit Noth¬ 
wendigkeit, um die Möglichkeit des vom Verstande gedachten Seins begrei¬ 
fen zu können. Mit andern Worten: das Object des Verstandes ist ein Sein 
das Object der Vernunft ist ein Grund: im ersten Falle denken wir, daß das 
Object der Wahrnehmung sei, rücksichtlich so sei; im zweiten Falle denken wir, 
daß das Object einen Grund habe, rücksichtlich einen solchen Grund 
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Max-Planck-Institut für Bildungsforschun
	        
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