Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Vernunft. Verschiedenheit des Begreifens. § 68. 
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sie ein absolutes oder ein relatives Wesen ist. So wie der bloße Verstand 
nur ein sinnliches Sein kennt, so kennt er auch nur eine sinnliche Substanz, ob¬ 
gleich im Grunde jede Substanz eine übersinnliche ist und von einer sinnlichen 
Substanz nur insofern die Rede sein kann, als die Substanz in die sinnliche 
Erscheinung tritt, wogegen die Vernunft zwischen sinnlicher und über¬ 
innlicher Substanz streng geschieden wissen will und den Schluß von der 
Nichtwahrnehmbarkeit der Substanz auf das Nichtsein derselben keineswegs 
duldet. Auch ist es unwahr, daß jede Substanz einer sinnlichen Basis be¬ 
dürfe; eben so falsch ist es, daß der Substanzbegriff mit dem Begriffe eines 
raumerfüllenden Dinges zusammenfalle. Davon, daß es entweder nur 
eine einzige Substanz, oder daß es eine unendliche Vielheit von Sub¬ 
stanzen gebe, liegt in dem Begriffe der Substanz nichts. Die Substanz ist ent¬ 
weder unvollkommene oder vollkommene Substanz: sie ist um so voll¬ 
kommener, je mehr sie sich dem Geiste nähert, oder je geistiger (intelligenter und 
freier) die Substanz selbst ist. Weil die Substanz ein Sein ist und alles Sein 
einen zureichenden Grund seines Seins haben muß, so versteht es sich auch von 
selbst, daß die Substanz einen Grund ihres Seins haben müsse. Diesen 
Grund kann die Vernunft denken in einer doppelten Weise: entweder hat die 
Substanz den Grund ihres Seins in einer andern Substanz, oder sie hat 
den zureichenden Grund ihres Seins in sich selbst: dort fällt die Substanz 
und ihr Grund aus einander, hier fällt die Substanz mit ihrem Grunde zusam¬ 
men. Die Substanz ist somit entweder eine bedingte oder sie ist eine unbe¬ 
dingte. Was man gewöhnlich Aseität (ens a se) nennt, ist nichts als ab¬ 
solute Voraussetzungslosigkeit: die gewöhnliche Weise des Begründens 
von Unten nach Oben hört hier auf. Es ist von selbst klar, daß eine bedingte 
Substanz nur in einer unbedingten Substanz ihre zureichende Begründung finde, 
Ob aber die Substanz eine bedingte oder eine unbedingte sei, läßt sich ihr nicht 
sofort ohne Weiteres ansehen, sondern es muß dieses aus den Erscheinungen der 
Substanz, bezüglich aus den Erscheinungen überhaupt, geschlossen werden. Zu 
den bekanntesten Erscheinungen der Substanzen aber gehört die ungbänder¬ 
liche Folge der einen Substanz auf die andere, insbesondere die Ent¬ 
stehung der nachfolgenden Substanz durch eine andere vorangehende ihres Glei¬ 
chen. So finden wir den Apfel immer und unabänderlich nach dem Baume, der 
ihn trug, die Pflanze immer und unabänderlich nach dem Samenkorn, und nie 
mals umgekehrt. In diesem Falle denkt die Vernunft die vorangehende Sub¬ 
stanz als den bestimmten zureichenden Grund der folgenden andern, und sie 
muß so denken, weil sie die Unabänderlichkeit der Folge des Einen auf das 
Andere entweder nur aus einem Causalitätsverhältnisse zwischen bei¬ 
den begreifen muß, oder sie sonst nur aus einem Zusammentreffen bei¬ 
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Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
	        
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