Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
18 
Einleitung. 
Empirische Psychologie. 
Eintheilung des Sanzen. 
§ 4. 
Die empirische Psychologie muß nothwendig in so viele Theile zerfallen, 
als es wesentlich verschiedene Vermögen unsrer Seele gibt. Gegen die Annahme 
einzelner Seelenvermögen „als mythologischer Wesen, als einer Erdichtung oder 
als eines Vehikels der gemeinen Erfahrung, welche weder der richtigen Empirie, 
noch der richtigen Speculation entsprechen“, hat in der neuern Zeit Herbart und 
seine Schule Einrede erhoben, hauptsächlich aus dem Grunde, weil jede Realität, 
also auch die Seele, schlechthin einfach sei und die Mehrheit der Eigen¬ 
chaften mit der Einheit des Gegenstandes sich nicht vertrage, weil Alles, 
was in der Seele vorgehe, nichts als Selbsterhaltung, und das sogenannte Den¬ 
ken, Fühlen, Begehren keine eigentlichen Zustände des einen realen Wesens selbst, 
sondern Wirkungen anderer Realen seien, die mit der Seelen=Monas wechselnd 
in Conflict treten. Auf eine Würdigung dieser metaphysischen Weltansicht können 
wir uns hier nicht einlassen, und begnügen uns nur mit der Bemerkung, daß 
die hier behauptete Fähigkeit der Seele, mit andern Realen (Realitäten) in Con¬ 
flict oder Verhältnisse zu treten, die sich untereinander selbst theils aufheben, theils 
begünstigen, theils modificiren, sich mit der Annahme von Vermögen oder Kraf¬ 
ten der Seele noch in einem guten Sinne vereinigen läßt. Hat ja doch Herbart 
selbst die Unentbehrlichkeit einer Scheidung der eigentlichen Seelenvermögen bei 
der Uebersicht der empirischen Psychologie, auf die es hier allein ankam, durch 
die That selbst eingestanden. Auch ist es mit der bisher üblichen Scheidung und 
Benennung der einzelnen Seelenvermögen nicht so böse gemeint, indem es sich 
von selbst versteht, daß wir hier unter Vermögen nicht etwa getrennte Be¬ 
standtheile oder Beschaffenheiten unserer Seele, sondern nur wesentlich verschie¬ 
dene Aeußerungsweisen einer und derselben ungetheilten Seelenkraft uns zu 
denken haben. Wir verfahren also hier gar nicht anders, als wenn wir auch ei¬ 
nem Gegenstande der äußern Natur, z. B. einem Steine, die Eigenschaften der 
Ausdehnung, der Theilbarkeit, der Schwere zulegen und für alle diese gewisse, 
ihnen entsprechende Kräfte in dem einen Steine denken. Die Verschiedenheit un¬ 
srer Seelenvermögen richtet sich aber nach der Grundverschiedenheit unsrer See¬ 
lenzustände, von welchen aus nach Anleitung des Gesetzes vom zureichenden Grund 
auf entsprechende Seelenvermögen geschlossen werden muß. Was nun die Ver¬ 
schiedenheit der Seelenzustände selbst betrifft, so kann die Angabe derselben aller¬ 
dings nicht beim Anfange, sondern erst am Ende der Psychologie als vollkom¬ 
men gerechtfertigt erscheinen. Es bleibt uns also hier nichts übrig, als entweder
	        
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