Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

3. Methode der Psychologie. § 3. 
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nung hat sie, wenn sie den Gesammtinhalt der psychischen Erscheinungen in einer 
der Sache selbst entsprechenden Aufeinanderfolge vorlegt; Gründlichkeit hat sie, 
wenn sie alle ihre Erkenntnisse unmittelbar oder mittelbar bis auf ihren letzten 
Grund, d. i. bis auf ihre letzte Quelle zurückführt. Was nun 1) die Vollstän¬ 
digkeit betrifft, so ist diese weder erreichbar durch das bloße Zusammenfassen 
derjenigen Erscheinungen, welche vor und nach zufällig in das Bewußtsein treten 
und wie sie in dasselbe treten, noch ist sie erreichbar durch bloße Classi¬ 
ficirung des gegebenen Stoffes nach erdachten höhern oder niedern Rücksichten 
hin, in welchen beiden Fällen entweder gar keine Vollständigkeit des psychologischen 
Wissens entstehen würde, oder man sich doch von dieser Vollständigkeit nicht wis¬ 
senschaftlich überzeugen könnte. Wohl aber ist die Vollständigkeit des pspcholo¬ 
zischen Wissens dann erreicht, wenn man a) das Gemeinsame, welches allen 
unsern Seelenzuständen ohne Unterschied anklebt und sich dem Bewußtsein auch 
schon vor der individuellen und speciellen Kenntniß derselben hinlänglich offenbart. 
aufsucht, und wenn man b) mit Hülfe des Selbstbewußtseins dieses Gemeinsame 
oder Allgemeine in seine nähern oder entferntern Bestandtheile auflöset und zwar 
d lange, bis man auf eine wissenschaftliche Weise gewiß geworden ist, alle die 
einzelnen Momente gefunden und keines derselben übersehen zu haben. Diese Me¬ 
thode ist übrigens von der Methode der Classification unserer Seelenzustände, 
welche schon eine vollständige Kenntniß des Menschenlebens voraussetzt, wesentlich 
verschieden. Sie fordert nichts Anderes, als eine Grundverschiedenheit unserer 
inneren Zustände, und diese ist im unmittelbaren Bewußtsein deutlich gegeben und 
wird nicht auf eine unwissenschaftliche Weise vorausgesetzt. Was 2) die Ord¬ 
nung betrifft, so ist diese schon mit erreicht, wenn dem angegebenen Erfordernisse 
der Volltändigkeit Genüge geleistet ist; denn bei dem Verfahren in dieser Weise 
erscheinen alle pshchologischen Phänomene in einer Reihenfolge, die wir nicht etwa 
kunstlich zu suchen haben, sondern die sich in ihrer allmählichen Entstehung gleich¬ 
am vor unsern Augen ohne unser Zuthun hinstellt. In dieser Weise wäre auch 
der innere Zusammenhang und die gegenseitige Verbindung aller unserer Seelen¬ 
trafte so nachgewiesen, daß immer und überall einleuchtet, was die eine Seelen¬ 
kraft gewirkt haben müsse, damit die andere in Thätigkeit komme und wie sie 
zu dieser Thätigkeit nicht gekommen sein würde, wenn auch nur das Gerinaste 
von dem gefehlt hätte, was vorhanden war. Was endlich 3) die Gründlich. 
keit anbelangt, so wird diese dann vorhanden sein, wenn die Psychologie ihren 
Gesamminhalt aus ihrer einzigen Erkenntnißquelle, nämlich aus unmittelbarem 
innern Bewußtsein hervorholt, und ihn als darin in der That befindlich 
klar und deutlich nachweiset. 
Max-Planck-Institut für Bildungsforschung
	        
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