Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
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1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Denkvermögen. 
gegen gibt es Individuen, welche ohne irgend eines mechanischen Hülfsmittels 
zu bedürfen, die schwersten arithmetischen Aufgaben mit der größten Schnel¬ 
ligkeit lösen können, wie Osiander von einem achtjährigen Knaben in Eng¬ 
land erzählt, der, ohne früher Rechnen gelernt zu haben, die Frage, wie 
viele Minuten es in 48 Jahren gebe, sofort beantwortete und die Secunden 
hinzusetzte, mit dem Geständnisse, er wisse es selbst nicht, wie ihm die Ant¬ 
worten zukämen. Sogar Wahnsinnige sind nicht selten im Stande, schwierige grith¬ 
metische, auch geometrische, Probleme zu lösen, weshalb sich aus dem bloßen Vermö¬ 
gen zu rechnen noch keinesweges der Schluß auf die vollständig vorhandenen Ver¬ 
tandeskräfte eines Menschen ziehen läßt, und wobei vollkommen besteht, daß 
das Rechnen ohne allen Verstandesgebrauch nicht möglich ist, wenigstens den 
einmaligen Zustand des ungestörten Verstandesgebrauches voraussetzt. 
III. 
Uebergang von den Begriffen zu den Urtheilen und Schlüssen. 
1. Der eigentliche Begriff. 
§ 62. 
Die erste Thätigkeit des Verstandes gibt sich in der Bildung der 
Begriffe kund. Der Begriff ist überhaupt Zusammensetzung eines Mannig¬ 
faltigen: er ist entweder realer oder objectiver oder er ist formaler oder 
subjectiver Begriff, je nachdem die Zusammensetzung des Mannigfaltigen ent¬ 
weder ein objectives Sein oder ein subjectives Wissen nun dieses Sein ist. 
Nach der neuen Naturphilosophie ist der Begriff entweder bloßer Natur¬ 
begriff, oder er ist geistiger Begriff, d. i. Begriff im eigentlichen Sinne. 
Der reale und der formale Naturbegriff läuft parallel: jener offenbart 
sich in beständiger Selbstveräußerung, dieser in beständiger Selbstverinne¬ 
rung der allgemeinen Natursubstanz; jener nimmt seinen Anfang mit dem 
dem unbestimmten Natursein, dieser mit dem unbestimmten Natur¬ 
gedanken; jener endet mit dem möglichst bestimmten Individualsein, die¬ 
ser mit dem möglichst bestimmten Individualgedanken. Sowohl der reale 
als der formale Naturbegriff entsteht durch Emanation (Wesensausguß) der 
einen Natursubstanz: nur ist sie dort eine Emanation nach Außen, hier eine 
Emanation nach Innen, so jedoch, daß die Emanation nach Außen zugleich 
auch eine Emanation nach Innen ist, und umgekehrt. Der bloße Naturbegriff 
genügt aber dem Geiste nicht: dieser verlangt den Begriff im eigentli¬
	        
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