Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Inst 
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für Bildun 
forschun 
1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Denkvermögen. 
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apriorischen Begriffen —, wodurch der Geist mit dem realen Objecte in 
Verbindung und Wechselwirkung tritt, und wodurch uns die an sich inhaltslee¬ 
ren Objecte der Wahrnehmung erst zu einem Sein werden, wogegen wir 
ohne den apriorischen und in so fern allerdings subjectiven Gedanken des Seins 
von keiner außer uns stehenden und von uns selbst verschiedenen Realität, nicht 
einmal von unserer eigenen, etwas wissen könnten. Eben darum gelten uns auch 
die Objecte als solche Dinge, die sich um unsere Vorstellungen gar nicht kum¬ 
mern, die auch ohne unsere Vorstellung derselben vorhanden sein würden und 
die schon vorhanden sein mußten, bevor eine Anschauung und Wahrnehmung 
derselben von unserer Seite noch möglich war. Außer dem Acte des bloß sinnlichen 
Vorstellens findet sich also im Bewußtsein auch noch ein Act des Den¬ 
kens, d. i. des geistigen Vorstellens, und zwar eines solchen Vorstellens, wo¬ 
durch uns das inhaltslose Bild der sinnlichen Wahrnehmung zu einem Etwas, 
im Gegensatze zum Nichts wird, und ohne welchen Act des Denkens wir gar 
nicht wissen würden, ob das vorgestellte Bild ein Nichts oder ein Etwas wäre*). 
Mit diesem Gedanken des Seins, aber auch erst durch denselben, treten die Ob¬ 
jecte der Wahrnehmung in ein Verhältniß zu uns als denkende Wesen oder zu 
unserm Denkvermögen, und sie gehören von nun an in den Kreis desjenigen, 
was unserm Denkvermögen als existirend gilt, wogegen sie vor dem Gedanken 
des Seins mit unserm Denkvermögen außer aller Verbindung standen. Wie es 
wenigstens scheint, geht der Gedanke des Seins oder der Realität dem Acte 
der sinnlichen Wahrnehmung nicht voran, sondern erst dann, nachdem der Act 
der Anschauung und Wahrnehmung bereits vorhanden ist, erfolgt der Gedanke: 
daß da etwas sei." Allerdings gibt es Fälle, in welchen wir bei gemachten 
Eindrücken auf das Gesicht — dasselbe gilt von den übrigen äußern Sinnen 
da z. B., wo jetzt plötzlich die Thüre geöffnet würde und ein uns unbekanntes 
häßliches Thier hereinstürzte, ganz wahrnehmbar die Aufmerksamkeit gleichsam 
zurückziehen, sie den einzelnen Eindrücken, aber immer nur Einem auf einmal, 
zuwenden, und sie so der Reihe nach durchgehen, jeden folgenden mit dem vorher¬ 
gehenden zusammenfassen und so alle zu einem einigen Ganzen, d. h. zu 
einem Bilde oder zu einer Vorstellung vereinigen, und welches wir nun als 
ein vor uns stehendes Object oder Etwas denken, und darauf hinschauen und 
es wahrnehmen. Hieraus könnte allerdings der Schein entstehen, als werde uns 
nicht ein Bild geliefert, sondern wir dichteten uns dieses Bild selbst zusam¬ 
men, woraus dann wieder folgen würde, daß der Gedanke des Seins oder des 
* Ob dasjenige, was der Verstand als seiend denkt, nicht bloß für unser Denken, son¬ 
dern auch abgesehen von demselben, d. i. ob es auch objective Realität oder (äußzere) 
Existenz habe, bleibt hier vorerst dahingestellt.
	        
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