Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
X 
1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Denkvermögen. 
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oder productives Vermögen. Allerdings ist die Vernunft nicht productiv in dem 
Sinne, daß sie sinnliche Anschauungen oder gar Einbildungen producirte, wohl 
aber in dem Sinne, daß sie Ideen erzeugt. Somit ist denn die in der neuesten Zeit 
öfters vernommene, aus materialistischer Quelle sich herschreibende doppelte Be¬ 
hauptung falsch: a) daß es kein productives Denken gebe, sondern daß das 
Denken nur zur Prüfung der Mittheilung des unmittelbaren Erkennens diene; 
b) daß insbesondere die Vernunft eine bloß recipirende Form des Geistes sei. 
Angenommen aber auch, daß das Denken nur zur Prüfung und Mittheilung des 
unmittelbaren Erkennens diene, so würde diese Prüfung doch nur möglich 
sein unter der Voraussetzung eines Maßstabes, welcher als Gesetz an das zu 
Prüfende angelegt werden sollte, so wie ebenfalls zur Mittheilung einer 
Erkenntniß, wenn diese anders eine absichtliche sein soll, schon ein fertiger Ge¬ 
danke und Alles, was diesen bedingt, erforderlich ist: es enthält somit jene Be¬ 
hauptung einen ganz offenbaren Widerspruch. Auch ist es schwer zu sehen, daß 
die Vernunft (was doch behauptet wird) dem Verstande Realitäten bieten könne, 
wenn die Vernunft nichts mehr, als eine bloß recipirende Form des Geistes 
ist. Bei einer solchen Auffassung des Denkvermögens kann dann auch die Be¬ 
hauptung eines neuern Psychologen nicht befremden: „daß die anschauliche oder 
sinnliche Erkenntniß, welche bloß auf Associationen und deren Reproductionen 
beruht, und die wir mit den Thieren theilen, in gewisser Hinsicht edler sei, als 
das Denken", oder mit andern Worten, daß der Mensch höchstens graduell, nicht 
Von dem Verstande und der 
wesentlich, von den Thieren verschieden sei. — 
Vernunft hat man die Urtheilskraft unterschieden, und diese zwischen Ver¬ 
tand und Vernunft in die Mitte stellen wollen: weil aber das Urtheil nichts 
als eine Verbindung oder Trennung von Begriffen, ein Verstehen und Begrei¬ 
fen aber ohne Verbindung oder Trennung von Begriffen kaum oder gar nicht 
denkbar ist, so ist die Urtheilskraft schon in den Verstand und die Vernunft 
eingeschlossen und sie selbst ist entweder verstehender oder begreifender Natur, 
Dauer nicht ausbleiben konnte, so verstand man unter Vernunft das Vermögen geistiger Er¬ 
kenntniß und stellte so die Vernunft dem Sinne gegenüber. Hier bedeutet also Vernunft 
die geistige Aneignung eines Gegebenen, sei dieses Gegebene ein Sinnliches oder 
sei es ein Uebersinnliches. Nachdem nun in der neuesten Zeit der Verstand die geistige An¬ 
eignung des Gegebenen für sich in Anspruch genommen hatte, blieb für die Vernunft 
nur die geistige Aneignung des Uebersinnlichen übrig und so steht im Sprachgebrauche die Un¬ 
terscheidung zwischen Verstand und Vernunft vorzüglich seit Jacobi, welcher auch die ver¬ 
nünftige Erkenntniß schlechtweg als die Erkenntniß aus Gründen definirte, jetzt 
ziemlich fest. Aber selbst Kant traf den Unterschied zwischen Verstand und Vernunft sehr 
richtig, wenn er sich hierüber so erklärte: „Die Verstandesbegriffe dienen zum Verstehen, die 
Vernunftsbegriffe zum Begreifen der Wahrnehmungen, d. i. der Erscheinungen." (Kritik d. k. 
Vern. S. 266 Aufl. 6); hätte übrigens Kant diesen richtigen Gedanken tiefer verfolgt, so 
würde seine ganze Philosophie eine wesentlich andere geworden sein.
	        
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