Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Einbildungskraft. 
182 
2. Entstehungsweise der Dichtungen im Allgemeinen. 
§ 46. 
Weil Anschauungen und Einbildungen sich zunächst dadurch unterscheiden, 
daß jene es mit einem Wirklichen, diese es mit einem Erdichteten zu thun haben, 
die Einbildungskraft aber auch bemüht ist, ihren eigenen Vorstellungen das 
Gepräge der Wirklichkeit zu geben und die Seele im normalen Zustande ent¬ 
weder als Sinn oder als Einbildungskraft thätig ist; so müssen die sinnlichen 
Dichtungen regelmäßig entstehen durch Alles, welches 1) die Thätigkeit des Sin¬ 
nes zum Stillstande bringt; oder welches 2) den qualitativen Unterschied zwi¬ 
schen Anschauungen und Einbildungen entweder gänzlich verwischt oder doch un¬ 
kenntlich macht; oder welches 3) wegen der mit ihm verbundenen heftigen in¬ 
nern Reize eine die Thätigkeit des Anschauens überbietende Wirksamkeit der Ein¬ 
bildungskraft zur Folge hat. Dahin gehören z. B. unordentliche Gemüthsbewe¬ 
gungen, Affecte, Leidenschaften. Bei einer jeden sinnlichen Dichtung unterscheiden 
wir zwei Stücke, nämlich: 
1) einen Stoff, aus welchem die Dichtung besteht; 
2) eine gewisse Behandlung dieses Stoffes von Seiten der Seele. 
Ueber 1. Was zuerst den Stoff oder das Material betrifft, aus wel¬ 
chem die Dichtung besteht, so sind für die Entstehung der sinnlichen Dichtungen zwei 
Fälle möglich. Entweder sind die einzelnen, wenigstens die einfachen Bestandtheile 
der Dichtung erneuerte Empfindungsvorstellungen und es besteht somit das ganze 
Dichtungsvermögen nur in der Umformung eines sinnlichen Stoffes; oder es be¬ 
sitzt die Seele die Kraft, selbstthätig, d. i. dichtend einfache Vorstellungen zu 
erzeugen und aus diesen Bilder zusammenzusetzen, an welchen frühere oder 
gegenwärtige Empfindungsvorstellungen durchaus keinen Antheil haben. Se¬ 
ben wir nun auf alle uns bekannten Erdichtungen, so finden wir bald, 
daß sie alle ohne Unterschied zusammengesetzte Vorstellungen sind, und daß 
alle Bestandtheile derselben, wenigstens die einfachen, von sinnlichen Em¬ 
pfindungen herrühren. Die Erdichtung eines geflügelten Pferdes besteht aus 
dem Bilde eines Pferdes, aus dem Bilde von Flügeln, aus dem Bilde 
der Verbindung der Schulter= oder Brustmuskeln mit den Flügeln: und alle 
diese Vorstellungen sind aus der Sinneswahrnehmung. Dasselbe gibt sich bei allen 
unsern Dichtungen ohne Unterschied wenigstens dann zu erkennen, wenn a) die 
Einbildungskraft dem zusammengesetzten Bilde seine ganze Fülle und Klarheit 
ertheilt, wenn sie es in bestimmten Farben und Stellungen hervortreten läßt, 
wodurch die anfangs nur dunkeln Mittelbilder ihre völlige Ausbildung und Be¬ 
timmtheit erlangen; und wenn dann b) die Dichtungen in ihre einfachen Be¬ 
standtheile aufgelöset werden und nun auf das scharf und genau gesehen wird¬
	        
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