Full text: Psychologie. ¬Die Lehre von dem Erkenntnißvermögen (Th. 1)

Max-Planck-Institut für Bildungsforschung 
1. Theil. Die Lehre vom Geiste. Einbildungskraft. 
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Erkenntniß gehalten werden; sondern die Phantasie ist so wenig das Princip der 
Speculation, daß sie vielmehr nur eine der speculativen Vernunft untergeord¬ 
nete Dienerin sein soll, so wie auch der Verstand eine der begründenden 
Vernunft dienende Function ist *). 
Damit nun eine sinnliche Dichtung in uns entstehe, ist erforderlich: 
1) daß in unserm gewöhnlichen, normalen, sinnlichen Anschauen und Denken ein 
gewisser Stillstand eintrete; 2) daß eine Vorstellung in uns entstehe, welche mit 
andern, im Gedächtnisse ruhenden Vorstellungen coexistirt; 3) daß diese Vorstel¬ 
lungen einer Bearbeitung durch die Phantasie fähig seien und daß die Phantasie 
einen Reiz erhalte, vermittelst dieser Vorstellungen eine ihr angehörende Vorstel¬ 
lung zu erzeugen. Solche Reize sind: a) Mangel an Beschäftigung des sinnlichen 
Anschauungsvermögens und des damit verbundenen Denkvermögens; b) eine ge¬ 
wisse Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen Gemüthszustande; c) hoher Schwung 
der Phantasie selbst und eine vorherrschende Neigung der Seele für stärkere und 
lebhaftere Vorstellungen im Gegensatze zu den gewöhnlichen aufgenöthigten An¬ 
schauungen. Und ist die Phantasie einmal in Bewegung gebracht, so hat sie einen 
weit freiern Spielraum, als wo bloß der Sinn die ganze Thätigkeit leitet und der 
Seele die unveränderlichen Anschauungen aufnöthigt: eben diese Freiheit, die 
ohne gehörige Leitung sogar in Zügellosigkeit übergehen kann, reizt die Phan¬ 
kasie, noch thätiger zu sein, als sie ohne dies sein würde. — Die sinnlichen Dich¬ 
tungen unterscheiden sich von den sinnlichen Anschauungen vorzüglich dadurch, 
daß diese uns einen wirklichen, jene einen bloß erdichteten Gegenstand 
vorhalten. Wo aber die Phantasie uns einen erdichteten Gegenstand vorstellt, 
da ist sie wenigstens in den gewöhnlichen Fällen auch bemüht, die von ihr ge¬ 
bildete Vorstellung nicht als eine Dichtung, sondern als eine wirkliche sinn¬ 
liche Anschauung und den von ihr vorgestellten Gegenstand nicht als einen 
erdichteten, sondern als einen wirklichen Gegenstand uns vorzuführen: auch 
gelingt dem Dichtungsvermögen diese Täuschung regelmäßig, wenn keine Reflexion 
über die betreffende Vorstellung eintritt und somit auch kein Urtheil darüber, ob 
die Vorstellung Anschauung oder Dichtung sei, erfolgen kann. Wo uns nun 
durch den Sinn ein wirklicher Gegenstand vorgestellt wird, da ist diese un¬ 
sere Vorstellung in der Regel eine klare und deutliche Vorstellung; wo 
uns aber durch die Einbildungskraft ein bloß erdichteter Gegenstand als ein 
wirklicher vorgestellt wird, da kann die Vorstellung unmöglich eine deut¬ 
liche Vorstellung sein, weil sie dann unmöglich für Anschauung einer Wirk 
lichkeit gehalten werden könnte: sie muß folglich eine dunkle und ver¬ 
worrene, jedoch eine solche Vorstellung sein, daß uns das Bild für 
*) Baltzer Beiträge u. s. w. l. S. 187.
	        
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